Lade Inhalte...

Wiesbaden Die Grenzen verschwimmen beim 90er-Festival

Das 90er-Festival in Wiesbaden gleicht einer großen 90er-Party. Unterschiede zwischen den einzelnen Auftritten und der Überbrückung dazwischen sind kaum auszumachen. Und dabei haben alle Spaß.

Wiesbaden
Spaß vor der Bühne. Foto: Fabian Böker

Am Ende war es einfach wie eine überdimensionierte 90er-Party, wie sie – in kleinerem Umfang – landauf landab jedes Wochenende irgendwo stattfindet. Das 90er-Festival in der Wiesbadener Arena des SV Wehen-Wiesbaden am Samstag hatte viele Acts zu bieten, die auf der Bühne standen. Doch wirklich gebraucht hat man die wenigsten davon, um für gute Stimmung zu sorgen.

Es dauerte etwas, bis sich bei brütender Hitze die abgedeckte Rasenfläche mit Menschen gefüllt hatte. Die, die schließlich da waren – rund 10000 – und feierten, waren mal dem namensgebenden Jahrzehnt angemessen gekleidet und trugen Basketball-Shirts der Chicago Bulls, Baggypants, T-Shirts mit einem Gameboy oder diversen Bandnamen drauf; mindestens einer kam sogar in Buffalos. Andere dagegen schienen die 90er in schlechter Erinnerung gehabt zu haben und verarbeiteten ihre Reminiszenz in entsprechend schlechtem Geschmack: übergroße, bunte Brillen, ballonseidene Anzüge, bauchfrei bei dafür ungeeigneten Körpern. Und die unvermeidlichen Junggesell(inn)enabschiede durften natürlich auch nicht fehlen.

Das Who is Who des 90er-Pop

Sie alle wurden angelockt mit einem Line-Up, das sich aus Sicht von 90er-Romantikern wie das Who is who las: von Whigfield über East 17 und La Bouche bis hin zu Dr. Alban, Oli.P und Masterboy. Doch die Unterschiede zwischen den Phasen mit „Live“-Act auf der Bühne und Musik von Band verschwanden fast durchgehend. Nicht nur, weil außer Jenny Berggren, die einst bei Ace of Base am Mikro stand, keiner wirklich live gesungen hat. Sondern vor allem, weil auch all die anderen Hits aus dieser Dekade nicht fehlen. Backstreet Boys, Spice Girls, 2 Unlimited, Vengaboys, Blümchen? Jede der Pausen, die von Mola Adebisi moderiert werden, wird genutzt, um einen Klassiker nach dem anderen auszulegen. Das Publikum singt und tanzt begeistert mit, mitunter mehr und heftiger als während der auftretenden Künstler.

Bei deren Auftritten kommt es zu mancher Absurdität. Dass die Sängerin von Rednex den Smashhit „What’s up“ von 4 non Blondes anstimmt – geschenkt. Dass aber Kate Ryan, die dank ihres Karrierestarts im Jahr 2001 eh nicht in das Portfolio des Festivals gepasst hat, diesen Umstand zu ignorieren wusste, indem sie ihre gesamte Performance einfach darauf abzielte, Hits der 90er zu covern, wirkte irgendwie deplatziert. Dass das Lied „I like to move it“ gleich sechs Mal im Lauf des Abends intoniert wurde, mehrfach von Mola, aber auch unter anderem von LayZee, dem einzig verbliebenen Mitglied von Mr. President, konnte dagegen belustigen. Wieso aber dieser LayZee beispielsweise auf den großen Hit „Jojo Action“ verzichtete und dafür lieber ein zehnminütiges Medley spielte, das neben „I like to move it“ auch Songs der Outhere Brothers und diversen Kram aus den 2000er Jahren enthielt, ist unklar.

Unklar schien es auch einem Besucher im VIP-Raum gewesen zu sein, mit wem er da gerade ein Selfie gemacht hatte. Nachdem das Bild mit Lane McCray, dem Rapper von La Bouche, im Kasten war, fragte er seine Frau: „Wer war das jetzt?“

Während sich diese Szene abspielte, saß Oli.P noch im Auto von Regensburg, wo er seinen ersten von drei Auftritten an diesem Tag hatte, nach Wiesbaden. Leicht verspätet angekommen, stürmte er lässig gekleidet in Shorts und Tank-Top die Bühne – und entwickelte sich zum Star des Abends. Im Sturm eroberte die Herzen die Besucher. Die verziehen es ihm schnell (oder bekamen es nicht mehr mit), dass er seine Hits wie „Flugzeuge im Bauch“ und „I wish“ im Halbplayback sang, bei dem seine Stimme manchmal hervortrat, manchmal nicht.

Oli.P bittet zum Selfie

Zum Beispiel dann, wenn er in den Graben vor der Bühne sprang, um ein Selfie mit den Fans zu machen. Was er sehr oft tat. Oder wenn er einen der insgesamt drei geworfenen Büstenhalter aufhob. Schnell noch zwei neuere Lieder eingeschoben, wurde es Zeit für die Zugaben. Nachdem der 39-Jährige allen Ernstes „Angels“ von Robbie Williams im Vollplayback gesungen hatte, ebenso wie „Narcotic“ von Liquido, sang er einfach noch einmal „Flugzeuge im Bauch“. Sang es, verließ die Bühne, sagte allen Security-Mitarbeitern persönlich Tschüss, nahm sich Zeit für alle Selfie-Wünsche – und raste davon nach Saarbrücken, zum nächsten Gig.

Währenddessen zogen die Massen in Wiesbaden auch von dannen, nicht alle blieben bis zum Ende. Lag vielleicht auch daran, dass die Besucher pleite waren. Bei 2,50 Euro für einen 0,25-Liter-Becher Wasser kein Wunder. Aber ob pleite oder nicht: Gut gelaunt waren alle, nach dieser gigantischen 90er-Freiluft-Party.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen