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Wiesbaden Cool Runnings am Rhein

Eintracht Wiesbaden will Athleten nach Olympia bringen – im Bobfahren. Seit Ende 2015 hat der Verein eine Bob- und Schlittenabteilung.

17.08.2016 18:13
Peter H. Eisenhuth
Kim Kalicki wird von Ann-Christin Strack angeschoben. Foto: Tim Restle

Wenn Wiesbaden dieser Tage unter heißen Temperaturen ächzt, macht sich Tim Restle kalte Gedanken. Noch lässt der Trainer von Eintracht Wiesbaden hauptsächlich auf der Tartanbahn schwitzen – doch Ende August, Anfang September geht es nach Oberhof. Ins Eishaus. Restle, der ehemalige Leichtathlet, ist für die Ende 2015 gegründete Bob- und Schlittenabteilung des Vereins aktiv. Und das mit dem erklärten Ziel, möglichst viele seiner jungen Athleten in sechs Jahren zu den Olympischen Winterspielen nach Peking zu bringen.

Wiesbaden als Zentrum des Bobsports? Wo der nächste Eiskanal sich im rund 180 Kilometer entfernten Winterberg im Sauerland befindet? Klingt komisch, ist es aber nicht. Dass Restles Pläne keine Hirngespinste sind, beweist die Tatsache, dass Kim Kalicki und Ann-Christin Strack bei den Junioren-Weltmeisterschaften im Januar Silber gewannen.

Anfang 2017 soll es der Titel werden, der mit einer Wildcard für die WM der Erwachsenen verbunden ist. „Pyeongchang kommt vielleicht noch ein bisschen zu früh“, sagt Restle mit Blick auf Olympia 2018 in Südkorea. „Aber 2022 wollen wir dabei sein.“

Drei Frauen und zwei Männer umfasst die Gruppe des Landestrainers, mehr aktive Bobfahrer gibt es in Hessen auch nicht. Ein paar mehr sollen es in nächster Zeit werden, „und bei der Suche nach Talenten hilft uns Kims Erfolg ganz sicher“, glaubt Restle. „Wenn wir junge Sportler ansprechen und die von uns wissen wollen, was wir eigentlich machen, ist die Antwort ,Wir üben Bahnen fahren‘ nicht der Kracher. Aber wenn wir eine Vizeweltmeisterin vorweisen können, wird es gleich viel attraktiver.“

Attraktiv erscheinen auch die Rahmenbedingungen. „Selbstverständlich ist es schwer, in die nationale oder internationale Spitze vorzudringen, aber der Weg in die Förderprogramme ist bei weitem nicht so lang wie beispielsweise in der Leichtathletik“, betont Tim Restle. Die Zahl der Aktiven, die mit einem Bob durch eine Eisröhre brettern, ist eben überschaubar. „Dank der beruflichen Absicherung beispielsweise über die Sportfördergruppe der Polizei, haben sie die Chance, sich in Ruhe zu entwickeln.“

Kim Kalicki hat sich für diesen Weg entschieden, den sie womöglich auch als Leichtathletin hätte einschlagen können. 2011 nämlich war die damals 14-jährige Sprinterin über 100 Meter nur wenig langsamer als die ein Jahr ältere Lisa Mayer aus Langgöns – und die geht in wenigen Tagen bei den Olympischen Spielen an den Start. Von Talent und Ehrgeiz her wäre das auch bei Kalicki denkbar gewesen, doch Krankheiten zwangen sie immer wieder zu Pausen, bis irgendwann die Lust dahin war. „Es ist ja keine Seltenheit, dass Leichtathleten irgendwann als Anschieber beim Bobfahren landen“, sagt ihr Trainer, „bei Kim lag der Fall aber anders, weil sie zum einen schon in so jungen Jahren gewechselt ist und zum anderen gleich die Pilotenausbildung absolviert hat.“

Ihren früheren Sport hätte Kim Kalicki auch als Hobby ausüben können, jetzt gibt es nur ein „Ganz oder gar nicht“. Bobfahren existiert nur als Leistungs-, nicht als Breitensport. „Für die Piloten gilt, dass sie innerhalb weniger Jahre den internationalen Durchbruch schaffen oder irgendwann aufhören“, sagt Restle. „Die Ausbildung ist teuer, es gibt nur eine begrenzte Anzahl an Schlitten und auch die Bahnzeiten sind nicht beliebig ausdehnbar.“

Auch die anderen Bobfahrer der Eintracht – die Anschieber Ann-Christin Strack, Maureen Zimmer, Costa Laurenz und Issam Ammour – sind ehemalige Leichtathleten. Schnell und stark sein genüge aber nicht, um einen Bob wie gewünscht zu beschleunigen. Den Schlitten in Bewegung zu setzen sei eine technisch komplexe Aufgabe, sagt der Landestrainer, „und in einer Sportart, in der eine Hundertstelsekunde eine Welt sein kann, werden Fehler nicht verziehen“. Wer die Bahnen hinunterrasen möchte benötige auch koordinatives Auffassungsvermögen und Rhythmusgefühl, „um sich mit dem Partner zu synchronisieren und harmonisch die maximale Kraft aufzubringen“.

Doch auch wer all diese Fähigkeiten besitzt, ist nicht automatisch für den Sport geeignet. Wagemut und ein stabiler Magen sind für einen erfolgreichen Run unabdingbar. „Es gibt Athleten, die gut anschieben“, sagt Tim Restle, „aber wenn sie bei drei Fahrten sich dreimal übergeben müssen, wollen sie nicht mehr.“

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