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Wiesbaden Citybahn mit oder ohne Schienen

Beim Info-Abend der IHK geht es um Flugtaxis, autonome Fahrzeuge und effektvolles Reden. An der Ausweitung des öffentlichen Nahverkehrs führt indes kein Weg vorbei.

Ob die Ausführungen von Hermann Zemlin zum Nutzen der Citybahn für die heimische Wirtschaft im Publikum verfangen haben, bleibt offen. Der Geschäftsführer der Citybahn GmbH hat auf der Informationsveranstaltung der Industrie- und Handelskammer (IHK) gefühlt in jedem dritten Satz darauf verwiesen, dass beim Bau des Schienenkörpers auch Unternehmen aus der Region zum Zuge kommen, mit der Bahn mehr Kundschaft in die Innenstadt und Fachpersonal zur Arbeitsstelle fahren könnte und die Grundstückspreise eher steigen als fallen.

IHK-Standortbereichsleiter Florian Steidl hatte zu Beginn ein Stimmungsbild unter den 170 Gästen abgefragt. Je ein Drittel zählte sich zu den Befürwortern oder Gegnern des Projekts Citybahn oder war noch unentschlossen. Ob jemand seine Meinung am Ende des Abends änderte, fragte Steidl nicht mehr.

Die IHK hat sich zwar im März 2017 zu einer zukunftsorientierten Verkehrsinfrastruktur für eine erfolgreiche Entwicklung der Wirtschaftsregion bekannt, sich zur Citybahn jedoch noch nicht positioniert. Die Planungen dazu sind unter den Mitgliedern der Kammer umstritten. 2001 hatte die IHK Wiesbaden das ähnliche Vorhaben einer Stadtbahn abgelehnt, damals aus Kostengründen, wie Präsident Christian Gastl sagte. Die aktuellen Planungen müssten aber wegen steigender Bevölkerungs- und Fahrgastzahlen, erhöhter Luftbelastung und guter Finanzierungsbedingungen neu bewertet werden.

Mit der Veranstaltung am Montag bot die Kammer gemeinsam mit der IHK Rheinhessen und den Handwerkskammern ihren Mitgliedern die Chance, sich eine Meinung zu bilden. Die Vorträge von Ralf Jahncke, Geschäftsführer des Logistik-Consulting-Unternehmens Transcare, und des Ingenieurwissenschaftlers und Stadt- und Verkehrsplaners Hartmut Topp waren mit Spannung erwartet worden, vertreten die beiden doch unterschiedliche Positionen.

Oberflächlich betrachtet unterschieden sich ihre Vorträge in den Effekten, von denen der Unternehmer Jahncke deutlich mehr aufwies. Er ließ Flugtaxis durch die Luft schwirren, warf Bilder von riesigen chinesischen Fahrradautobahnen an die Wand, nannte die Wiesbadener Fahrradwege „Suizidspur“ und sprach von der Citybahn als „gigantische anachronistische Fehlinvestition“. Der Sitzplatzkilometer der Citybahn liege ein Mehrfaches über dem, was ein Sitzplatz im E-Mobilitätsnetz koste.

Bei genauerem Hinsehen gab es aber nur eine wesentliche Differenz: Ingenieur Topp favorisiert eine Schienenbahn und bewährte Systeme, wie sie in den vergangenen Jahren in 60 Städten Europas gebaut wurden. Der Unternehmer Jahncke hingegen setzt auf riesige neuartige batteriebetriebene „Smart Busse“ auf Reifen, die 2017 im chinesischen Zhuzhou eingeführt worden seien und wie Züge aussehen, auf autonom fahrende Fahrzeuge und auf Flugtaxis. Verkehrsdezernent Andreas Kowol entgegnete später, die Reichweite batteriebetriebener Busse genüge nicht für lange Strecken. Ansonsten entsprechen Jahnckes Ideen weitgehend denen von Topp, Zemlin und Kowol: den öffentlichen Nahverkehr, das E-Bus-Netz, E-Mobilität und Fahrradwege zu erweitern.

Was Effekte betrifft, war Zemlin auch nicht schlecht: Er kündigte an, demnächst ein autonom fahrendes Zubringerfahrzeug präsentieren zu wollen und versicherte, dass die Citybahn teils ohne Oberleitung auskomme und bereits 2024 bis nach Bad Schwalbach fahren werde. Möglich werde dies mit zwei oder drei Baustellen gleichzeitig.

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