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Wiesbaden Blinde laufen geradewegs aufs Hindernis zu

Eine Anzeigentafel verstellt Blinden im Wiesbadener Hauptbahnhof den Weg. Die Deutsche Bahn hat die peinliche Situation inzwischen geändert.

Wiesbaden
Früher führten die Rillen geradewegs auf die schwarz-gelbe Anzeigetafel zu, jetzt stoppen sie die gepunkteten Bodenplatten. Foto: Rolf Oeser

Ein sehbehinderter Mensch tastet sich im Wiesbadener Hauptbahnhof mit dem Blindenstock den Blindenleitstrahl entlang. Er durchquert die Halle und den Raum vor den Bahnsteigen, um den Zug an einem der Bahnsteige zu erwischen. Der Blindenleitstrahl wird aber auf dem Bahnsteig nicht fortgeführt. Der Sehbehinderte geht ein, zwei Schritte weiter und - rumms - knallt an einen Info-Ständer aus Metall.

So ähnlich ist es dem Blinden Thomas Sauer passiert. Was nach schwarzer Posse aussieht, ist Realität. Die Satiresendung Extra 3 hat dieser Tage gezeigt, wie Blinde im Hauptbahnhof in die Irre und an die Anzeigetafel geführt werden, vielmehr geführt wurden. Die Deutsche Bahn hat die peinliche Situation inzwischen geändert. Nun sollen Blinde an einer im Boden eingelassenen Platte mit erhabenen Halbkugeln erkennen, dass der Leitstrahl endet und sie sich ihren Weg anders suchen müssen. Die Deutsche Bahn hat das taktile Stoppzeichen nach den Beschwerden verlegen lassen.

Der weiße Farbstreifen ist für Blinde nicht sichtbar

„Das ist ein noch ein blöderes Zeichen, eigentlich darf man dann nicht weiterlaufen, aber ich muss doch auf den Bahnsteig“, mokiert sich Sauer, der im Blinden- und Sehbehindertenbund Hessen beschäftigt ist. Die Bahn wolle nur ihren Fehler nicht zugeben, dass sie den Blindenleitstrahl mit einem weißen Farbstreifen fortgeführt hatte - wo doch Blinde diesen gar nicht sehen könnten.

„Der Hauptbahnhof erhält abschnittsweise neue Platten“, erklärt ein Sprecher der Bahn. Im Querbahnsteig sind sie schon ausgewechselt worden, inklusive Blindenleitsystem. Die Bahnsteige seien jedoch erst im Laufe dieses Jahres an der Reihe, dann werde das taktile Plattenelement auch dort verlegt. Der Blindenleitstrahl solle dann in geringem Abstand und mit zwei rechten Winkeln - einmal links, einmal rechts - um die Anzeigetafel herumführen. Denn die solle an ihrem Platz bleiben, „aus verschiedenen Gründen“, wie der Sprecher sagt.

Sauer hält es für keine gute Idee, die Bahnsteigkante mit Anzeigetafeln zu verstellen. „In jedem Mobilitätstraining lernen wir, dass die Versorgungsaufbauten in der Mitte des Bahnsteigs stehen“, erklärt er. Im Wiesbadener Hauptbahnhof steht die Tafel jedoch direkt an der Kante am Bahnsteigbeginn. „Zwei scharfe Wendungen sind nicht super, aber wenigstens sicher und besser als jetzt“, kommentiert Sauer die Pläne zur Leitstrahlführung um das Hindernis herum.

„Das ist nicht mit den Blindenverbänden abgesprochen“, sagt Sauer, der ansonsten die Kommunikation mit der Deutschen Bahn lobt. Nur für den Wiesbadener Hauptbahnhof treffe dies nicht zu. Er habe damals in einem Schreiben die Bahn darauf aufmerksam gemacht, dass der Blindenleitstrahl geradewegs auf die Anzeigentafel führe. Darauf habe er als Antwort erhalten, dass auf dem Boden ein weißer Sichtstreifen angebracht worden sei. „Das hilft nur Blinden nichts“, sagt Sauer lakonisch. Laut Bahnsprecher ist die weiße Linie eine Gefahrraumbegrenzung, die irrtümlich auch in der Satiresendung als Fortsetzung des Blindenleitsystems verstanden worden sei. Sie solle die Sehenden auf den gebührenden Abstand zur Bahnsteigkante hinweisen. Wie der Blindenleitstrahl in Zukunft aussehen soll, kann man sich auf den Bahnsteigen acht und neun anschauen. Dort liegen die neuen Platten mitsamt des Blindenleitstrahls schon. Eine Anzeigetafel gibt es dort nicht.

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