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Wiesbaden Aufklären mit Literatur

16 Lesungen hat es beim schwul-lesbischen Lesefestival „Queer gelesen“ am vergangenen Wochenende gegeben. Autoren aus ganz Deutschland hatte Organisatorin Juliane Seidel dazu nach Wiesbaden eingeladen.

01.02.2015 19:47
Marion Ziegler
Homosexualität: Für viele immer noch ein Problem. Foto: Andreas Arnold

Im Restaurant seiner Eltern an der italienischen Adriaküste macht der junge Luca eine Ausbildung zum Koch. Den neuen Lehrling Shiro sieht er zunächst als Konkurrenten. Doch die beiden freunden sich an und verstehen sich immer besser. Dass er sich verliebt hat, das will Luca lange nicht begreifen. Doch schließlich erkennt er: „Ich war nicht anders, ich war genau wie er.“ Für den Sohn einer streng katholischen italienischen Familie beginnt eine große Liebe, aber es beginnen auch große Schwierigkeiten.

In schmalen Reihen drängten sich die Holzstühle am Samstagabend vor dem Lesepult im Hinterzimmer der Wiesbadener „Coffeebar Anderswo“. Etwa 20 Zuhörer lauschten Jobst Mahrenholz. Der Autor las aus seinem Roman „Lucas Rezepte“ – die Ellbogen auf die Regenbogenfahne gestützt, die vom Pult herunterhing. Es war eine von 16 Lesungen beim schwul-lesbischen Lesefestival „Queer gelesen“ am vergangenen Wochenende. Autoren aus ganz Deutschland hatte Organisatorin Juliane Seidel dazu nach Wiesbaden eingeladen. Die Werke lassen sich der Gay Romance oder Gay Fantasy zuordnen, sie sind Krimis, Dramen oder amüsante Kurzgeschichten. „In dem Genre wüsste ich kein anderes Literaturfestival in Deutschland“, sagte Seidel.

Schwule Liebesgeschichten von Frauen gelesen

Zum zweiten Mal organisierte sie das schwul-lesbische Lesewochenende – und freute sich über Zulauf gegenüber 2014. „Die lesbischen Lesungen ziehen mehr Besucher an“, sagte Seidel. Das bestätigten die Gäste, die in der Pause bei fair gehandeltem Kaffee plauderten.

Chris P. Rolls etwa kennt ihre Leser gut. Zwar schreibt sie vor allem über die Liebe zwischen Männern, doch Rückmeldung bekommt sie vor allem von Frauen. „Männer lesen eben keine Liebesromane“, sagte Rolls. Und Frauen bekämen bei einer homoerotischen Geschichte schließlich gleich zwei Männer zum Preis von einem. Am Samstag stellte Rolls Passagen aus ihrem Fantasy-Roman „Wintergeboren“ vor. Viele der Festivalgäste seien selbst Autoren, sagte Seidel. Sie lesen die Werke der anderen und rezensieren sich gegenseitig.

Auch andere Zuhörer waren Seidel schon bekannt – zum Beispiel vom schwul-lesbischen Filmfest „Homonale“, das in Wiesbaden etablierter ist als sein literarisches Pendant. Zum 15. Mal flimmerten Filme mit homosexueller Thematik in diesem Jahr über die Leinwand – eine Woche vor dem noch jungen Lesefest.

Mit dem kulturellen Angebot für Schwule und Lesben in der Stadt ist Seidel zufrieden. „Wiesbaden bemüht sich sehr“, sagte sie. Mit „Queer gelesen“ ist das Angebot gewachsen. Und auch das Festival selbst ist größer geworden. Die Lesungen am Sonntag waren in den Räumen der Aids-Hilfe Wiesbaden. Per Internettelefonie war eine Autorin aus Chile zugeschaltet. Für die Zukunft wünscht sich Seidel noch mehr Lesungen, mehr Gäste und breiter gestreute Themen.

Seine Geschichte über den jungen Koch Luca sieht Jobst Mahrenholz als Entwicklungsroman. Es gehe um das Erwachsenwerden, um das Coming-Out, um das Verständnis der Eltern. „Du weißt, dass es falsch ist, was ihr tut“, so reagiert im Roman die Mutter auf die Homosexualität ihres Sohnes.

Etwas aufklären

Die gesellschaftliche Akzeptanz beschäftige Mahrenholz: „Ich möchte etwas aufklären, ich möchte das aufs Papier bringen.“ Um Konflikte drehen sich auch seine neueren Bücher. Sie behandeln die Themen Transgender und Asexualität. Weniger schwer wog dagegen am Samstagabend die erotische Lesung von Sabine Brandl. Von den Holzstühlen schmunzelte es, als sie von der eigentlich heterosexuellen Laura berichtete, die im Schwimmbad auf die attraktive Claudia trifft – und auf einmal eine ganz „heiße Mitte“ bekommt.

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