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Wiesbaden 100 Tage Dezernent

Andreas Kowol will die Straße den Menschen zurückgeben.

Man kann nicht behaupten, Andreas Kowol habe zu viel Zeit benötigt, sich einzuarbeiten. Die Stadt und ihre Probleme in jenen Angelegenheiten zu erkunden, für die er zuständig ist, fiel dem Grünen-Politiker schon deshalb nicht so schwer, weil er nur vier Jahre weg war, in Hanau, bevor die Wiesbadener Rathauskooperation den einstigen Referenten zum Umwelt- und Verkehrsdezernenten wählte. Am Sonntag wird er seit 100 Tagen im Amt sein.

100 Tage, in denen er maximale Transparenz im Umgang mit Magistratskollegen, Gremien und Bürgern praktiziert habe („Meine Tür steht immer offen“), in denen er die Ortsbeiräte besucht hat („Hohe Präsenz vor Ort ist gerade in Verkehrs- und Umweltfragen wichtig“), in denen er sich über konkrete erste Schritte wie 500 neue Rad-Abstellplätze freute und eine Vielzahl von Ideen entwickelte und Projekte anleierte. Mit dem Ruf, ein Autofresser zu sein, kann Kowol leben, versichert aber, sehr wohl die Leistungsfähigkeit des motorisierten Individualverkehrs gewährleisten zu wollen. Schon wegen der Luftreinhaltung.

Beispiel Wilhelmstraße: Dass hier tagsüber geparkt werden dürfe, sei nicht nachvollziehbar. Diese wichtigste Wiesbadener Nord-Süd-Verbindung ermögliche es Autofahrern, zweispurig bis zur Autobahn zu gelangen. Dass eine Spur immer wieder von Kurzzeitparkern blockiert werde, sei kontraproduktiv, führe zu Stop-and-go-Verkehr, Rückstaus und völlig überflüssigen Abgasbelastungen.

Grundsätzlich aber will Kowol die dominante Stellung des Autoverkehrs in der Landeshauptstadt beschneiden, das Image Wiesbadens als radfahrer-unfreundlichste deutsche Großstadt ablegen. Wo immer möglich und Alternativen vorhanden, will er Stadtteile vom Durchgangsverkehr befreien. Das Biebricher Rheinufer ist eine Straße, die er in diesem Zusammenhang nennt, auch in der Wellritzstraße in der Innenstadt ließen sich entsprechende Vorkehrungen treffen, um eine kleine Fußgängerzone einzurichten. „Ich versuche, den Straßenraum den Menschen zurückzugeben.“

Nicht nur bei der geplanten Citybahn, dem Megaprojekt, das Wiesbaden eine Straßenbahn bringen und diese an Mainz anbinden soll, setze er „auf die Kraft der Argumente“, sagt Kowol. Auch in anderen Fällen will er seine Ideen nicht einfach durchdrücken, sondern verstärkt mit Verkehrsversuchen arbeiten.

Zu einem Großvorhaben über mehrere Jahre wird auch die von Kowol ins Auge gefasste Baumpflanzaktion werden. Bei aller Begeisterung nämlich, die das viele Grün in der Stadt beim Dezernenten auslöst, weist er auch auf eine Lücke von insgesamt rund 800 fehlenden Straßenbäumen hin. Die Kosten beziffert Kowol auf rund 3,2 Millionen Euro – je Baum 4000 Euro. Das klingt teuer, ist es auch, doch der Nutzen übersteige die Ausgaben bei weitem. Die Bäume wirkten sich positiv aufs Klima aus, seien an heißen Tagen wichtige Schattenspender gerade für ältere Fußgänger („Auch als Radfahrer bin ich im Sommer für jeden Baum froh“), und nebenbei trügen sie zu einer Wertsteigerung der angrenzenden Immobilien um bis zu zwanzig Prozent bei.

Auch in eigener Sache ist der Dezernent während seiner ersten 100 Tage rasch vorangekommen: Auf der Suche nach der schnellsten Radstrecke von seinem Dezernat in der Konradinerallee bis zum Rathaus benötigt Kowol nur sieben Minuten. Nichts für Feiglinge: Die Route verläuft durch die Unterführung in der Mainzer Straße. „Die ist für Radfahrer offen – auch wenn das seit 30 Jahren kein Mensch gemacht hat.“

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