Lade Inhalte...

Whistleblower, Ausstellung Wiesbaden Wenn Ehrlichkeit weh tut

Eine Ausstellung porträtiert Whistleblower wie den Ex-Steuerfahnder Frank Wehrheim

20.09.2013 10:08
Dominique Roth
Eine Ausstellung über Whistleblower gibt es in Wiesbaden. Foto: Reuters

Halbstündlich klingelt das Telefon von Frank Wehrheim oder es klopft jemand an seiner Bad Homburger Wohnungstür. Der pensionierte Beamte, weißgraue Haare und akkurat getrimmter Bart, ist ein gefragter Mann. Nicht nur, weil der ehemalige Steuerfahnder jetzt als Steuerberater tätig ist und ihn seit dem Fall Hoeneß viele Kunden mit Selbstanzeigen beauftragen. Sondern auch, weil das, was der 64-Jährige vor zehn Jahren erlebt hat, durch Edward Snowden aktueller ist denn je: Frank Wehrheim ist Whistleblower.

Whistleblower-Preis bekommen

2009 hat er mit Rudolf Schmenger, seinem Ex-Kollegen bei der Frankfurter Steuerfahndung, den Whistleblower-Preis bekommen. Die Ausstellung „Licht ins Dunkel bringen“, die heute um 17 Uhr im Haus des Nassauischen Kunstvereins eröffnet wird und bei der Wehrheim mit einigen anderen der Porträtierten persönlich vor Ort sein wird, erzählt seine Geschichte.

Alles hat mit dem Bankenverfahren Ende der Neunziger begonnen, als Wehrheim und seine Kollegen gegen die Commerzbank und die Deutsche Bank ermittelt haben, wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung. Die Banken hatten Gelder reicher Kunden über Transferkonten anonym ins Ausland geschafft. Die Fahnder trieben zusätzlich Steuern von über einer Milliarde Mark ein. „Zu dieser Zeit, noch vor den ganzen Steuer-CDs, waren Ermittlungen in dieser Größenordnung die absolute Ausnahme“, berichtet Ex-Fahnder Wehrheim.

Doch 2001 wurden er und seine Kollegen jäh ausgebremst. Als noch immer Akten aus dem Bankenverfahren auf ihren Tischen lagen, bekamen sie von oben diktiert, dass sie künftig nur noch bei einem Transfervolumen von 500 000 Mark oder einem Einzeltransfer von 300 000 Mark ermitteln dürften. Der damalige Finanzminister Karlheinz Weimar (CDU) bestreitet bis heute, dass durch die Anweisung Steuersünder davon gekommen seien. Die Fälle seien nur anderen Finanzbehörden zugewiesen worden.

Wehrheim allerdings ist überzeugt, dass ein Großteil der Delikte durch das Raster gefallen ist. Das Team protestierte, schrieb einen Brandbrief an den damaligen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU), „ohne ihn aber abzuschicken“, sagt Wehrheim. Trotzdem seien 15 Leute in bedeutungslose Abteilungen versetzt worden. Die Regierung hat hingegen eine Umstrukturierung als Grund für die Umsetzungen genannt. Unbestritten ist, dass vier Ex-Fahnder offiziell für verrückt erklärt wurden.

Über Selbstmord nachgedacht

„Die Frankfurter Rundschau hat das Thema zwar lange getragen, trotzdem wurde es nicht richtig transportiert“, klagt Wehrheim. Immerhin führte die Berichterstattung zu einem Untersuchungsausschuss, der aber nach Wehrheims Auffassung ergebnislos geblieben sei. Die vier Leute seien immer noch nicht rehabilitiert, so der Ex-Steuerfahnder. Das beschäftige ihn heute noch, vor allem, wenn er an die psychischen Folgen für diese Leute denke. „Einer der vier hat mir einmal erzählt, dass er über Selbstmord nachgedacht hätte.“

Wehrheim selbst ist vergleichsweise glimpflich davongekommen. Ein halbes Jahr nach der Zwangsversetzung ging er in Altersteilzeit, seit vier Jahren ist er regulär pensioniert. „Ich habe meinen Weg gefunden, habe mir mit meinem Buch den Frust von der Seele geschrieben und mich selbstständig gemacht.“ Seitdem klingelt sein Telefon so oft.

Die Ausstellung „Licht ins Dunkel bringen“ ist vom 20. bis 29. September im Haus des Nassauischen Kunstvereins zu sehen, Wilhelmstraße 15. Öffnungszeiten: Di, 14-20 Uhr, Mi-Fr, 14-18 Uhr und Sa-So, 11-18 Uhr

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum