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Rathaus Wiesbaden „Seelenloser Verwaltungsapparat“

In der Wiesbadener Stadtverwaltung steigt die Zahl der Krankheitsfälle. Schuld an der hohen Krankenquote ist die Führungskultur in den städtischen Ämtern. Das ist das Ergebnis eines Gutachtens. Die Ausfälle kosten die Stadt jährlich 14 Millionen Euro.

Im Rathaus läuft derzeit einiges schief. Foto: Martin Weis

Etwa 1000 Mitarbeiter der Stadtverwaltung Wiesbaden sind permanent aufgrund einer Langzeiterkrankung nicht dienstfähig. Das hat ein Gutachten ergeben, das die Stadt im Februar 2012 in Auftrag gegeben hatte. Sie wollte wissen, weshalb die Anzahl der Krankheitsfälle weiter steige – trotz aller Präventionsmaßnahmen. Seit einigen Jahren können die Angestellten der Stadt unter anderen Fitnessstudios kostenlos nutzen. Die Ausfälle kosteten die Stadt pro Jahr etwa 14 Millionen Euro. In Wiesbaden fehlten Mitarbeiter deutlich öfter als in anderen Städten vergleichbarer Größe.

Das 113 Seiten umfassende Gutachten, das der Frankfurter Rundschau vorliegt, sollte eigentlich in der vergangenen Woche Thema in der Magistratspressekonferenz sein, wurde dann jedoch von der Tagesordnung genommen. Nach Angaben des Soziologen Bernhard Badura, der das Gutachten erstellt hat, sollte es erst in den kommenden Wochen vorgestellt werden – nach dem Wechsel des Oberbürgermeisters.

Das Gutachten ist eine Ohrfeige für die Führungsspitzen in der Verwaltung. Denn laut Badura bildet deren Kultur einen Risikofaktor für die Gesundheit der Mitarbeiter, indem sie Versagensängste fördere. Das hatten Interviews ergeben, die Badura unter anderem mit Mitarbeitern, Amtsleitern und Dezernenten geführt hatte. „Die Verwaltung fördert mangelhaften Wissensaustausch, negative Emotionen und Demotivation der Mitarbeiter sowie eine Nichtbeachtung organisatorischer Mängel“, heißt es. „Sie ähnelt eher einem seelenlosen Verwaltungsapparat als einer dynamischen Produktionsgemeinschaft.“

Meiste Fehltage im Schulamt

Doch nicht in jedem der 30 Ämter sind die Fehlzeiten deutlich erhöht. Während im Kulturdezernat kaum Fehltage zu verzeichnen sind, fehlen im Dezernat des scheidenden Oberbürgermeisters Helmut Müller (CDU) oft Mitarbeiter. Am höchsten ist die Fehlzeitenquote mit 10,9 Prozent im Schulamt. Als Grund für die negative Entwicklung sehen die Befragten die Entwicklung des Verwaltungsapparates seit 2004. „Wir haben schon einen sehr massiven Kulturwandel in dieser Stadtverwaltung gehabt, hin zu einer betriebswirtschaftlichen Orientierung – auch mit sehr viel Härte und Stringenz – und da gibt es Leute, die, verbunden mit anderen Faktoren, das so nicht mitgehen können“, sagte einer der Befragten.

Geführt wird laut Badura „offenbar zu oft mit Angst, Druck, Abstrafung“. Zudem würden Führungskräfte oft nicht wissen, wie viele Mitarbeiter krankheitsbedingt ausfielen. Er fordert einen „längerfristig angelegten Kulturwandel in Richtung Achtsamkeit für Gesundheit“. Badura empfiehlt unter anderem einen dezernate- und ämterübergreifenden Steuerkreis.

Personaldezernent Detlev Bendel (CDU) war gestern für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Sven Gerich (SPD), künftiger OB, kündigte an, das Gespräch mit ihm suchen zu wollen.

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