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Radfahren Für den Platz auf der Straße

Wiesbaden tritt in die Pedale: Einmal im Monat demonstrieren Wiesbadener Radler mit einem Flashmob. Sie wollen zeigen, dass es in der Landeshauptstadt nicht nur dicke Autos gibt.

Aktivisten unterwegs für ein besseres Radwegenetz. Foto: Martin Weis

Man sieht Josef Liebhart die Erleichterung an. Gerade hat der Fahrrad-Aktivist die Leute gezählt, die sich an diesem Samstag vor dem Wiesbadener Hauptbahnhof zum Fahrrad-Flashmob versammelt haben. 36 Radler sind gekommen. Die Gewissheit, mehr als 15 Leute zusammengetrommelt zu haben, entlockt Liebhart ein zufriedenes Lächeln. Denn 15 ist die magische Zahl. Radelt man gemeinsam mit 15 Leuten, darf man laut Straßenverkehrsordnung einen „geschlossenen Verband“ bilden – also nebeneinander auf der Fahrbahn fahren.

Auf voller Fahrbahnbreite

Und genau darum geht es beim Fahrrad-Flashmob: Zeigen, dass man da ist. Zeigen, dass es in Wiesbaden nicht nur dicke Autos, sondern auch schmale Fahrräder gibt. „Zeigen, dass man auch ohne Auto leben kann und dass das viel lebenswerter ist“, wie Ingelhart es ausdrückt: „entschleunigt, leise, CO2-frei“.Ingelhart hat den Flashmob im vergangenen Sommer mitbegründet.

Angefangen hat alles damit, dass man sich überlegte, wie man Werbung für das Verkehrswendefest machen könnte – eine Veranstaltung über verkehrspolitische Zukunftskonzepte. „So kam die Idee des Flashmobs zustande.“ Es war eine gute Idee – aus dem Stand kamen rund 70 Radler zur ersten Rundfahrt.

Das war im August. Seitdem führt eine Untergruppe des Bündnis Verkehrswende Wiesbaden, das sich in Folge des Fests gegründet hat, die Aktion monatlich durch. „Der Bedarf ist da“, sagt Ingelharts Mitstreiter Günni. Sagt’s und tippt einer jungen Radfahrerin auf die Schulter, ob sie nicht auch mitfahren wolle. Die ist sofort überzeugt. Mehr Radwege wünscht sie sich schon lange.

Hört man sich bei den 36 Leuten um, die sich zur „critical mass“ – zur „entscheidenden Masse“ – wie es auch heißt, versammelt haben, hört man viel Verbitterung. „Radfahren in Wiesbaden ist einfach die Hölle“, sagt ein Mittvierziger, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Ein anderer findet, dass die Stadt mit ihrer Fokussierung auf den motorisierten Individualverkehr dabei sei, „die verkehrspolitische Zukunft zu verschlafen“.

„Aber das kann man ja ändern“, sagt Günni, während er leuchtende Warnwesten verteilt. Darauf ist zu lesen „Mehr Raum fürs Rad“ oder „Wir wollen unsere Straßen zurück“. Dann geht es los – in einem großen Bogen fährt der Pulk auf voller Fahrbahnbreite gemächlich durch die Innenstadt. Mit der Frühlingsluft im Gesicht ist bei vielen auch die Verbitterung verflogen. Man macht Späße und freut sich darüber, unbehelligt von drängelnden Autos durch ansonsten gefährliche Straßen wie die Moritzstraße zu gleiten.

Zumindest teilweise. Auf Höhe der Rheinstraße fühlt sich ein älterer Herr vom Tempo der Kolonne derart provoziert, dass er mit quietschenden Reifen und durchgedrückter Hupe vorbeirast. Kopfschütteln bei den Flashmobbern. Unter den Radlern befindet sich mit Fritjof Gersch auch ein Urgestein im Kampf für die fahrradfreundliche Stadt: Schon 1980 hat er mit seiner Bürgerinitiative Fahrradfreundliches Wiesbaden zur Fahrrad-Demo aufgerufen. „Es hat sich nicht viel getan seitdem“, sagt Gersch. Deswegen ist er auch heute noch dabei.

Verhaltener Optimismus

Handlungsbedarf sieht auch der ADFC. Beim bundesweiten Städteranking zur Fahrradfreundlichkeit hat Wiesbaden bei Städten über 200.000 Einwohnern Platz 37 belegt – schlechter war nur Wuppertal. „Es muss dringend in den Ausbau der Radverkehrsinfrastruktur investiert werden“, sagt Thomas Fuchs vom ADFC-Kreisverband Wiesbaden/Rheingau-Taunus. Bisher umgesetzte Projekte wie der Radweg in der Bahnhofstraße seien „nur Einzelmaßnahmen“.

Bei den Flashmobbern schwingt bei der Rückkehr zum Bahnhof verhaltener Optimismus mit. Thomas Fuchs findet, dass dieser berechtigt ist – schließlich gebe es seit kurzem das städtische Radverkehrsforum, das einen Radverkehrsplan entwickeln soll. Für Fuchs ein Signal, dass „die Stadt bereit ist, verstärkt nach Lösungen zu suchen“.

Noch ein weiterer Punkt lässt die Radlerherzen höher schlagen: eine Ausweitung des Mainzer Fahrrad-Mietsystems „MVGMeinRad“ auf die Wiesbadener Innenstadt könnte sich so gut wie jeder hier vorstellen. So oder so: Ist der Frühling da, dürften die Flashmobs noch größer werden.

Der nächste Fahrrad-Flashmob: Donnerstag, 2. Mai, Treffpunkt vor dem Wiesbadener Hauptbahnhof, 18 Uhr. www.verkehrswende-wiesbaden.de

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