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Projekt „Willkommen“ Hilfe beim Neustart

Sameer Roshan flüchtete von Afghanistan nach Wiesbaden. Nun hilft ihm auf Vermittlung des Flüchtlingsrates Philipp Hanusch dabei, in der Landeshauptstadt Fuß zu fassen und eine neue Heimat zu finden.

12.02.2013 21:21
Sebastian Wenzel
Sameer Roschan mit seinem Mentor Philipp Hanusch. Foto: Martin Weis

Sameer Roshan lacht. Wörter purzeln aus seinem Mund und versickern sofort wieder im Murmeln und Stottern. Als Kind plapperte und quasselte er in Dari, seiner Muttersprache. Seit etwa einem Jahr lernt Roshan Deutsch. Auf Fragen antwortet er einsilbig. Wenn er Wörter nicht versteht, lacht er.

Sameer Roshan lacht oft. Seine Geschichte muss man aus Satzfetzen zusammenpuzzeln. Die Kindheit in Afghanistan und die Flucht nach Deutschland bilden den Rahmen des Puzzles. Das vollständige Bild lässt sich nur erahnen. Details verstecken sich genauso im Dunkeln wie Roshan auf seinem Weg nach Deutschland. Sicher ist: Roshans Vater saß in Afghanistan im Gefängnis. Die Taliban verfolgten ihn. Warum? Roshan lacht.

Ohne Hilfe wäre Roshan in der hessischen Landeshauptstadt verloren. Wie soll ein Ausländer Verträge, Formulare und Vordrucke der Behörden verstehen, wenn schon Deutsche daran verzweifeln? Doch der Jugendliche hat Glück. Seine Schwester lebt schon länger in Wiesbaden. Sein Vater und seine Mutter sind inzwischen auch hier. Und dann gibt es da noch Phillipp Hanusch. Zusammen spazieren der Deutsche und der Afghane durch den Kurpark, spielen Bowling oder jubeln im Stadion von Mainz 05.

Der Flüchtlingsrat Wiesbaden hat die Zwei zusammengebracht. Sie sind eines von mehreren Tandems des Projekts „Willkommen“. Die Idee dahinter: Wiesbadener helfen Ausländern beim Neustart. „Das Projekt richtet sich an neueingereiste Flüchtlinge, Menschen mit laufendem Asylverfahren und langjährig Geduldete“, informiert der Flüchtlingsrat im Internet. „Willkommen“ existiert seit Juli 2011.

Vertrauen schaffen

Hanusch und Roshan unternehmen regelmäßig zusammen etwas. Die Zweierteams des Projekts treffen sich idealerweise wöchentlich und das über mindestens sechs Monate. So soll ein Vertrauensverhältnis zwischen Ausländern und Wiesbadenern entstehen. Bei Roshan und Hanusch scheint das zu klappen. Im Dezember absolvierte Sameer Roshan ein Praktikum bei Weiler Hausgeräte. Die Firma gehört einem Bekannten von Hanusch.

Roshan ist angekommen in seinem neuen Leben. In Wiesbaden hat er keine Angst mehr vor den Taliban. Nur eines bereitet ihm Magenschmerzen: das deutsche Vollkornbrot. Das geht auch anderen Flüchtlingen so. Roshan ist einer von knapp 2000 Afghanen in der Stadt. „In den wenigsten Fällen ist es schiere Abenteuerlust, die Menschen dazu bewegt, ihre Heimat und Familie zu verlassen, um in der Fremde ein neues Leben zu beginnen. Meistens sind es ernste Anlässe: politische und wirtschaftliche Gründe, religiöse und rassische Verfolgung oder kriegsbedingte Flucht und Vertreibung“, sagt Ilka Seer. Die ehemalige Wiesbadenerin ist Pressesprecherin des Deutschen Auswandererhauses in Bremerhaven.

Ob Roshans Neustart in der Landeshauptstadt wirklich gelingt, ist noch ungewiss. Im Moment ist er in Deutschland geduldet, darf hier aber nicht arbeiten. Die Behörden entscheiden gerade über seinen Asylantrag. Wird dieser abgelehnt, muss Roshan zurück in seine Vergangenheit, zurück nach Afghanistan, zurück in den Krieg.

Warten auf den Ausweis

Roshan kann sich das nicht vorstellen. Er lernt weiter deutsche Vokabeln, trainiert im Fitness-Studio seine Muskeln, besucht regelmäßig die Moschee und geht unter der Woche um 21.30 Uhr schlafen. Dann liegt er in seinem Zimmer in der Asylunterkunft, ist glücklich und träumt von seinem neuen Leben, in das er vielleicht schon bald offiziell starten darf. Mit Stempel, Ausweis und einer Aufenthaltsgenehmigung. Erst dann heißt es für ihn wirklich: Willkommen in Deutschland.

Wer das Projekt „Willkommen“ unterstützen möchte, kann den Flüchtlingsrat Wiesbaden unter der 0611 495249 anrufen oder eine E-Mail an willkommenwiesbaden@posteo.de schreiben. Mehr Informationen im Internet unter www.fluechtlingsrat-wiesbaden.de.

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