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Porträt Anarchist mit Doktortitel

Der Wiesbadener Michael Wilk ist Verfechter des Widerstandes gegen Großprojekte - seit Jahrzehnten. Von Jutta Rippegather

Der Wiesbadener Michael Wilk Foto: Privat

Anpassung und Denkfaulheit mag er nicht. Vorauseilender Gehorsam ist ihm ein Gräuel. Michael Wilk wünscht sich, dass die Menschen Verantwortung für sich und ihre Umwelt übernehmen. Daran könnten sie wachsen, Kraft und Stärke ziehen, sagt der gelernte Schmied, Arzt, Psychotherapeut, Umweltaktivist, Anarchist und politische Autor. Auch deshalb sei der aktive Widerstand gegen Großprojekte wie den Ausbau des Frankfurter Flughafens so wichtig. Oder gegen geplante Kohlekraftwerke, Atomtransporte, Faschismus, staatliche Willkür.

Der 52-Jährige aus Wiesbaden scheut selbst die Verantwortung nicht. Ob bei Aktionen im gerodeten Bannwald, wo er mit der Polizeiführung verhandelt. Oder schon vor vielen Jahren, als im September 1985 Günter Sare bei einer Anti-NPD-Demo in Frankfurt von einem Wasserwerfer überrollt wurde. Der damals noch langhaarige Wilk leistete Erste Hilfe. "Günter ist mir unter den Händen weggestorben." Es folgten Proteste in der gesamten Republik.

Der Mediziner sieht sich in der Tradition der Post-68er. Politisiert wurde er als 15-Jähriger, als er sich um obdachlose Kinder in Wiesbaden kümmerte. 1976 gründete er mit anderen den Arbeitskreis Umwelt Wiesbaden, um die Anti-Atomkraft-Bewegung zu unterstützen. "Inzwischen ist das wahrscheinlich die älteste Bürgerinitiative Deutschlands, meint er.

Wilk kritisierte auch die Haftbedingungen der Mitglieder der "Rote Armee Fraktion" - der hierarchische Aufbau der Terroristen-Gruppe war ihm hingegen suspekt. Als Mensch mit "humanistischen Idealen" lehnt er autoritäre Strukturen ab. Auch die in Parteien: "Menschen werden darin schnell verbogen und korrumpiert", sagt er.

Die außerparlamentarische Opposition ist dem Aktivisten mit Doktortitel lieber. Bei der Auseinandersetzung um die Startbahn 18 West trug er den militanten Widerstand mit - solange er sich nur gegen die Betonmauer oder Strommasten richtete. Trotzdem gerieten er und andere nach den Todesschüssen auf zwei Polizisten im Flörsheimer Wald unter Generalverdacht. "Die Wahnsinnstat eines durchgeknallten Einzeltäters erschütterte auch uns tief."

150 000 Menschen gingen seinerzeit gegen die Zerstörung des Waldes auf die Straße. "Gegen die Startbahn zu sein, gehörte schon fast zum guten Ton", erinnert sich Wilk. Jetzt fallen für eine neue Landebahn wieder Bäume. Der Protest ist überschaubar: Ein paar hundert Demonstranten und das bunte Völkchen junger Leute im Waldcamp - das ist alles.

Zu viele Menschen hätten sich auf die Gerichte verlassen, meint Wilk, und er nimmt die Bürgerinitiativen dabei nicht aus: "Wir haben es lange Zeit nicht geschafft zu zeigen, dass der aktive Widerstand wichtiger ist als die juristische Auseinandersetzung." Zudem habe die Flughafenbetreiberin aus den Startbahn-Zeiten gelernt: Fraport habe den Bürgern vorgegaukelt, ihre Interessen würden im Mediationsprozess berücksichtigt. Habe einen riesigen Werbeetat verbraten, um viele neue Arbeitsplätze anzupreisen. Habe sich als Sponsor von Vereinen und Institutionen Wohlwollen in der Region erkauft.

Der 52-Jährige ist sich aber auch sicher: Hätte es seinerzeit nicht den massiven Widerstand gegeben, dann wäre der Flughafen viel früher expandiert. "Es geht nicht um Sieg oder Niederlage, sondern um die langfristige Auseinandersetzung zwischen Profit und Umwelt, blinder Expansion und Menschenwürde."

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