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Migrationsbeauftragte der Polizei Die Polizistin mit den türkischen Wurzeln

Die Wiesbadener Polizistin Döndü Yazgan spricht im Interview mit der FR über Spannungen zwischen Kulturen und wie sie sich mit Sprache Respekt verschafft.

Zwei der vier Migrationsbeauftragten der Polizei, Abdellah Amrouch und Döndü Yazgan, in ihrem Büro. Foto: C. Franzisket

Döndü Yazgan ist eine von vier Migrationsbeauftragten der Polizei Westhessen. Schwerpunkt der türkischstämmigen Polizistin ist die Betreuung der türkischen Migranten. Yazgan und ihre Kollegen sind oft auf Wiesbadens Straßen unterwegs, kennen die vielen Probleme und Spannungen zwischen Wiesbadenern mit und ohne Migrationshintergrund. Yazgans Anliegen ist, allen Menschen der Stadt zu vermitteln, dass eine hiesige Vielfalt der Kulturen ein Geschenk und keine Bedrohung ist.

Frau Yazgan, wozu braucht Wiesbaden die Migrationsbeauftragten?
Aus vielen unterschiedlichen Gründen. Beide Seiten – Menschen ohne und Menschen mit Migrationshintergrund – wissen oft noch wenig voneinander. Wir vermitteln zwischen ihnen, bringen sie zusammen, sind eine Art Bindeglied.

Wie viele Migranten leben in Wiesbaden?
Circa 45 Prozent der hier lebenden Kinder haben einen Migrationshintergrund. Wegen des demografischen Wandels wird es etwa in 25 Jahren in Wiesbaden sogar jedes Zweite sein. Das ist gar nicht schlimm, wir müssen nur darauf achten, dass wir eine Gesellschaft schaffen, in der wir friedlich miteinander umgehen und in der wirklich jeder integriert ist.

Was bedeutet denn ihrer Ansicht nach Integration?
Integration ist für mich auch gleichzeitig Partizipation. Ich lebe in einem Land, nehme am gesellschaftlichen Leben teil und ich bin auch ein Teil der Gesellschaft. Dazu gehört, sich an Gesetze und Normen zu halten und offen zu sein, sich nicht zu isolieren. Ob man dabei ein Kopftuch trägt oder nicht, spielt für mich keine Rolle. Die Offenheit, darauf kommt es an.

Sind Sie manchmal auch Vermittler zwischen Polizei und Migranten?
Ja. Wir bilden unsere Kolleginnen und Kollegen in interkultureller Kompetenz aus oder unterstützen sie darin. Polizisten sollten einerseits wissen, wie Menschen aus anderen Kulturen ticken – und warum sie so ticken. Auf der anderen Seite erklären wir den Bürgerinnen und Bürgern mit Migrationshintergrund, wie die Polizei tickt, welche Rechte und Pflichten sie als Bürger haben und wie sie sich gegenüber der Polizei verhalten sollten.

Wie kommen Sie an die Menschen heran?
Wir leben von Mundpropaganda und sind viel draußen. Wir gehen zum Beispiel zu Veranstaltungen, zu Demos, und besuchen die Organisationen, Vereine, Gemeinden und Flüchtlingsunterkünfte. Wir gehen hin und stellen uns vor. Wir haben keine Berührungsängste und kommen mit den Menschen ins Gespräch. Wir verteilen Flyer und unsere Telefonnummern und auch im Internet sind wir zu finden.

Mit welchen Problemen wenden sich Wiesbadener mit Migrationshintergrund an Sie?
Das ist auch sehr unterschiedlich. Oft sind es Probleme innerhalb einer Familie. Einmal kam zum Beispiel eine junge muslimische Frau zu uns. Sie wurde von ihren Eltern bedroht, weil die rausgefunden hatten, dass sie lesbisch ist. Oder auch die Zwangsehe ist immer noch ein Thema, auch bei Migrantenfamilien in Wiesbaden. Oder es gibt Ärger, weil die Tochter westlich leben will, die Familie ist aber nicht einverstanden. Oder es sind Streitigkeiten zwischen Familien oder Nachbarn.

Wie helfen Sie?
Wir fungieren als Vermittler zwischen den Streitparteien. Handelt es sich um Türken, vermittle ich in ihrer Muttersprache. Das kommt viel besser an. Vor allem ist es leider oft noch so, dass Migranten der deutschen Sprache überhaupt nicht mächtig sind. Oft leben die Menschen zwar in Deutschland, aber nach den Regeln ihrer Heimatkultur. Das ist nicht unbedingt negativ, es ist ja auch gut, wenn sie ihre Kultur schützen, aber sie müssen gleichzeitig auch offen für die deutsche Kultur sein und dürfen sich nicht isolieren. So entwickeln sich Parallelgesellschaften, was negative Auswirkungen haben kann. Um diesen vorzubeugen, kommen wir ins Spiel und bringen die Menschen zusammen.

Haben Sie ein Beispiel für eine erfolgreiche Zusammenführung von Menschen in Wiesbaden?
Ja. Mir fällt eine ältere Dame ein. Sie hatte sich geärgert, dass die Muslime in der Moschee nebenan im Sommer während der Fastenzeit zu laut sind. Sie traute sich nicht, sich direkt zu beschweren und hat sich bei uns gemeldet. Da bin ich mit dem Revierleiter in die Moschee gegangen und habe dort dem Leiter gesagt, dass die Dame sich gestört fühlt und Angst hat. Die Gemeindemitglieder haben sofort von sich aus einen Blumenstrauß gekauft. In meiner Begleitung haben sie die Dame aufgesucht und alles geklärt. Daraus hat sich eine Freundschaft entwickelt. Heute helfen die Kinder der Gemeinde der Dame beim Einkaufen und tragen ihre Sachen.

Wie sieht es mit dem Respekt gegenüber Ihnen als Frau aus?
Ich bin jetzt seit 21 Jahren Polizeibeamtin und kam während meiner Karriere mit Menschen aller Religionen und Angehörigen aller Schichten in Berührung. Ich muss sagen, dass vor allem die Türken sehr wohl unterscheiden zwischen einer Frau, die für den Staat arbeitet, und der Ehefrau zu Hause. Ich bekomme wirklich, und das ist nicht übertrieben, sehr viel Respekt, gerade von Männern, entgegengebracht. Manche gratulieren mir sogar und sind stolz, dass ich als türkischstämmige Frau bei der Polizei arbeite.

Bedeutung der Sprache

Welche Rolle spielt die Sprache dabei?
Eine sehr große. Ich habe den Vorteil, dass ich akzentfrei Türkisch spreche. Das bewegt viel. Wenn ich gebrochen türkisch sprechen würde, wäre es mit dem Respekt vielleicht problematischer. Ich kenne aber ihre Kultur, das merken sie sofort und es macht mich zu einem Gesprächspartner auf Augenhöhe.

Wie steht es um das Thema häusliche Gewalt bei Muslimen in Wiesbaden?
Man kann nicht sagen, dass häusliche Gewalt häufiger bei Muslimen vorkommt. Häusliche Gewalt ist unabhängig von Kultur und Religion. Es gibt sie überall. Bei Reichen, Armen, Muslimen und Nichtmuslimen. Was aber den Ehrbegriff betrifft – da gibt es schon Unterschiede. Das ist ein Phänomen bestimmter Kulturen, aber auch nicht speziell muslimisch. Gewalt im Namen der Ehre gibt es auch beispielsweise in Russland, Italien, Kosovo oder auch in Griechenland.

Ist islamischer Extremismus ein Problem in Wiesbaden?
Mit Sicherheit gibt es in Wiesbaden auch Menschen mit extremistischen Tendenzen. Als spezielles Wiesbadener Problem würde ich das allerdings nicht bezeichnen.

Die Stadt Wiesbaden will trotzdem eine Präventionskampagne gegen Extremismus starten. Was halten Sie davon?
Das finde ich sehr gut. Wenn das Kind erst in den Brunnen gefallen ist, dann brauchen wir nicht mehr anzufangen. Wir von der Polizei arbeiten bereits jetzt eng und erfolgreich mit dem Integrations- und dem Sozialamt der Stadt zusammen. Wir stehen einander beratend zur Seite.

Wie könnte denn so eine Prävention aussehen?
Dazu braucht es ein anständiges und kluges Konzept. Als gefährdet sehe ich jedoch vor allem Jugendliche, die ein Identitätsproblem haben. Das sind nicht nur muslimische Jugendliche, das betrifft auch Deutsche. Diese Jugendlichen gilt es aufzufangen, bevor sie in extremistische Kreise kommen. Wir brauchen Projekte, mit denen wir ihnen einen Weg aufzeigen, sie abholen können.

Werden Muslime in Wiesbaden aufgrund der Ereignisse in der Welt, etwa Anschläge des IS, diskriminiert?
Wir laden ein- bis zweimal im Jahr alle muslimischen Vereine und Gemeinden zu uns ein und dann reden wir über alles. Dann hören wir sie auch an. Nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo haben sie uns von Anfeindungen erzählt.

Was ist passiert?
Auf der Straße haben sich Passanten von Frauen mit Kopftüchern distanziert oder die Straßenseite gewechselt, wenn ein Mann mit einem langen Bart vorbeikam. Das sind Anfeindungen, mit denen wir umgehen müssen. Die muslimischen Gemeinden haben aber das Problem schnell gelöst, indem sie sich geöffnet haben und die Leute eingeladen haben, um ihnen die Angst zu nehmen. Bei solchen vertrauensbildenden Maßnahmen stehen wir Migrationsbeauftragte auch zur Seite.

Ergibt sich aus den vielen Flüchtlingen, die nach Wiesbaden kommen, eine neue Aufgabe für Sie?
Eine zusätzliche Aufgabe, würde ich sagen. Wir Migrationsbeauftragte sowie die Kontaktbeamtinnen und Kontaktbeamten der Reviere stehen im engen Dialog zu den Flüchtlingen und arbeiten eng mit dem städtischen Amt für Soziale Arbeit zusammen. Wir halten Vorträge über unsere Arbeit in den Flüchtlingsunterkünften, damit die Menschen uns kennenlernen.

Muss die Polizei oft zu den Flüchtlingsheimen in der Stadt ausrücken? Gibt es da oft Ärger?
Nein, nur ganz selten. Das muss man ehrlich sagen. Und wenn es mal Streit gibt, dann vermitteln wir so lange, bis da Verständnis ist und es nicht wieder vorkommt. Wir legen Wert darauf, dass das Verhältnis zur Polizei gut ist und bleibt. Die Menschen sollen wissen, dass wir für alle da sind, für die Menschen mit Migrationshintergrund und für die ohne. Das ist gelebte Prävention.

Interview: Christina Franzisket

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