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Mahnmal in Wiesbaden Deportiert, ermordet und vergessen

Die Landeshauptstadt gedenkt anlässlich des 75. Jahrestags der Deportation der Sinti am Mahnmal in der Bahnhofstraße.

Mahnmal
Dem Untergang entgegen: Mahnmal für die deportierten Wiesbadener Sinti und Roma. Foto: Michael Schick

Zieh dich warm an. wo du hinkommst, ist es verdammt kalt.“ Mit diesen Worten holen Polizisten den jungen Sylvester Lampert aus der Bäckerei Wilhelm Becker in Wiesbaden ab. Obwohl die Nazis den Sinti das Leben schwer machen, rechnet er nicht mit seiner Festnahme. Lampert empfindet sich als Deutscher, sein Vater hat im Ersten Weltkrieg gedient, sein Bruder es im Zweiten Weltkrieg bis zum Obergefreiten gebracht. So erzählt es Lampert 1989 dem Wiesbadener Politologen und wissenschaftlichen Mitarbeiters des Stadtarchivs Axel Ulrich, der dessen Lebensbericht in der Dokumentation „Widerstand und Verfolgung in Wiesbaden 1933 - 1945“ veröffentlicht.

Lampert gehört zu den 119 Sinti, die am 8. März 1943 aus Wiesbaden deportiert werden. Zunächst werden sie in der Synagoge in die Friedrichstraße gesammelt. Dort trifft Lampert seine Mutter, Geschwister und andere Verwandte. Später werden sie zum Bahnhof getrieben und mit dem Zug nach Frankfurt und dann nach Auschwitz-Birkenau verschleppt. Sein Bruder Alfons sagt am Bahnhof. „Wiesbaden, wir werden uns niemals wiedersehen“. Er soll Recht behalten. Schätzungen zufolge sterben bis zu vier Fünftel der Wiesbadener Sinti in den Konzentrationslagern. Sylvester Lampert verliert seine gesamte Familie.

Die Landeshauptstadt gedenkt anlässlich des 75. Jahrestags der Deportation mit einer Feierstunde am Mahnmal in der Bahnhofstraße. Dass auch Sinti und Roma von den Nazis verfolgt wurden, wird erst spät wissenschaftlich erarbeitet und dringt spät ins öffentliche Bewusstsein vor. Wiesbaden gehört zu den ersten Städten, die ein solches Mahnmal und eine Gedenktafel für die deportierten Sinti und Roma errichteten, allerdings nach harten politischen Auseinandersetzungen, ist auf der städtischen Webseite zu lesen. Die Initiative dazu geht von Axel Ulrich und Lothar Bembenek aus, die 1990 eine Dokumentation mit einem Interview mit Lampert veröffentlichen.

Mahnmal im Jahr 1992 eingeweiht

Das Mahnmal, ein Sandsteinblock, zeigt Menschen, die, gedrängt und unter der Last ihrer Bürde gebeugt, ihrem Untergang entgegengehen. Eingeweiht wird es 1992 mit einem Mahngang auf der gleichen Strecke, die die Sinti damals gehen mussten. Der damalige Oberbürgermeister Achim Exner (SPD) führt den Zug an. „Während in der Nachkriegszeit die Untaten oftmals geleugnet, gerechtfertigt oder aus Gleichgültigkeit überhaupt nicht zur Kenntnis genommen wurden, freue ich mich, dass wir am 8. März gemeinsam mit der Landeshauptstadt und der Wiesbadener Öffentlichkeit unseren verfolgten Menschen gedenken“, schreibt Adam Strauß, Vorsitzender des Landesverbandes Deutscher Sinti und Roma zum Gedenktag.

In Wiesbaden lebten vor dem zweiten Weltkrieg einer Untersuchung von Udo Engbring-Romang zufolge ausschließlich Sinti, bis zu 150 Personen. Viele wohnten in Wohnungen in der Innenstadt, etwa in der Ellbogengasse, aber auch in Dotzheim und Schierstein, etliche auch am Stadtrand in Baracken. In dem Buch „Wiesbaden, Auschwitz. Zur Verfolgung der Sinti in Wiesbaden“ berichtet Engbring-Romang, dass diese Familien im ambulanten Handel, als Musiker oder Arbeiter tätig waren. Die Eltern von Lampert waren Schausteller.

Lampert gerät 1943 ins Konzentrationslager Natzweiler-Struthof im Elsass, wo er zu medizinischen Versuchen missbraucht wird. Die Ärzte wollen herausfinden, wie lange die Opfer mit und ohne Gegenmittel eine Fleckfieberinfektion überstehen, ist im Wiesbadener Stadtlexikon zu lesen. Lampert gehört zu denen, die ein Gegenmittel gespritzt bekommen. Nach Kriegsende, im Jahr 1945 kehrt Lampert nach Wiesbaden zurück. Unter dem Künstlernamen Heujo Ne’ary führt er ein Leben als Musiker. Er stirbt 1999.

Die Gedenkveranstaltung ist am 8. März, um 16 Uhr am Mahnmal am Geschwister-Stock-Platz 1.

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