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Mahnmal am Michelsberg Gedenken trifft auf Alltag

Mahnmal am Michelsberg mit Architekturpreis ausgezeichnet / Premiere für Architektin und Stadt

09.12.2011 21:29
Gaby Buschlinger
Im Januar wurde die Gedenkstätte eingeweiht. Foto: Rolf Oeser

Grau, kalt, kahl: So wirkt das Mahnmal für die ermordeten Wiesbadener Juden am Michelsberg. Um sich dem Bauwerk und dem in die sieben Meter hohen Mauern eingelassenen Band mit den über 1500 Namen der Toten zu nähern, muss zudem die vielbefahrene Coulinstraße überquert werden.

Aber diese Form der Gedenkstätte am schwierigen Ort hat Fachleute beeindruckt. Und deren Erschafferin, die Berliner Landschaftsarchitektin Barbara Willecke, den hessischen Architekturpreis beschert.

Dieser ist zwar undotiert, aber renommiert, weil er der älteste Architekturpreis der Bundesrepublik ist und nur alle drei Jahre verliehen wird. Er wurde 1954 vom Finanzminister initiiert und seit 1973 gemeinsam vom Land Hessen und der Architektenkammer ausgelobt.

In diesem Jahr stand der Wettbewerb unter dem Motto „Qualitätvolle Lösungen für Tourismus, Freizeit und Erholung“. Der Jury-Vorsitzende Ludwig Wappner aus München sagte mit Blick auf die sechs ausgezeichneten Bauwerke, die vom Keltenmuseum am Glauberg über die Außenanlagen am Kloster Eberbach bis zum Wiesbadener Mahnmal reichten: „Die prämierten Gebäude spiegeln ein breites Spektrum der Themengebiete Tourismus, Freizeit und Erholung wider.“

Tatsächlich besuchen regelmäßig Touristen das Mahnmal, betrachten den durch helle Pflastersteine im Straßenasphalt nachempfundenen Grundriss der Synagoge und lesen etliche der eingravierten Namen. Viele sind erstaunt über das enorme Ausmaß der Synagoge, die bis zur Reichspogromnacht hier auf einem Sockel stand. Diesen hat Landschaftsarchitektin Willecke mit ihren wuchtigen Mauern nachgezeichnet. Da der Sockel über die heutige Coulinstraße hinaus reichte, hat Willecke gegenüber dem Mahnmal noch eine Ecke mit kürzeren Mauern hingestellt.

„Hier überlagern sich Alltag und Gedenken“, erklärt die Berliner Landschaftsarchitektin ihr Bauwerk, durch das eine Hauptverkehrsstraße verläuft. Dass dieses kalt und grau wirke, ficht sie nicht an. „Kleine Irritationen“ seien durchaus erwünscht, sagt sie.

Insgesamt wurden sechs von 84 eingereichten Arbeiten ausgezeichnet. Für Willecke ist die Ehrung eine Premiere, ebenso wie für ein Bauwerk in Wiesbaden, wie Stadtverordnetenvorsteher Wolfgang Nickel (CDU) am Donnerstag bei der Enthüllung der Tafel, die auf den Preis hinweist, sagte.

So kühl das Mahnmal auch wirken mag, es hat eine heiße Geschichte hinter sich: 20 Jahre konnten sich die Stadtpolitiker nicht einigen über das Wo und Wie einer solchen Gedenkstätte. Im Januar wurde das Mahnmal am Michelsberg, dessen Bau über drei Millionen Euro gekostet hat, dann endlich eingeweiht.

Es erinnert an 1507 jüdische Mitbürger, die zwischen 1933 und 1945 von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Die Namen sind mit Geburts- und Todesjahr sowie dem Sterbeort in ein Namensband gefräst.

Für Schlagzeilen sorgten im Sommer die Todesdaten der 1942 in Sobibor ermordeten jüdischen Opfer: Das Lager wurde 1943 nach einem Aufstand der Häftlinge dort aufgelöst. Auf dem Namensband wird bei Opfern mit Todesort Sobibor aber teilweise das Todesjahr 1945 genannt. Historiker monierten das.

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