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Lebenslinien Der letzte schöne Tag

Das Aktive Museum stellt die Lebensgeschichten von Wiesbadener Jüdinnen aus und dokumentiert ihre Verfolgung durch die Nazis.

Zur Eröffnung der Ausstellung gab's auch Musik. Foto: Bernd Fickert

Acht Mädchen mit hellen Kleidern und Seitenscheiteln lächeln von dem Foto herab. Acht harte Schicksale von Jüdinnen aus Wiesbaden verbergen sich hinter ihrem jugendlichen Lächeln. Doch am 5. Juni 1938, dem Tag, an dem das Bild aufgenommen wurde, war noch alles in Ordnung. Es war der Tag ihrer Einsegnung, die Mädchen wurden religionsmündig.

Festlich gekleidet gingen die 13- und 14-Jährigen mit ihren Familien in die Synagoge am Michelsberg. Sie wussten nicht, dass es ihr letztes Familienfest sein würde und auch die letzte sakrale Handlung in der Synagoge. Rabiner Paul Lazarus schrieb zu diesem Anlass in das Poesiealbum eines der Mädchen: „Wer da glaubt, der zage nicht.“

Inge Naumann-Götting und Giesela Kunze haben den Rat des Rabbiners zum Titel ihrer neuen Ausstellung im Aktiven Museum Spiegelgasse gemacht. Die Ausstellung erzählt vom Leben der Mädchen auf dem Foto.

Eine von ihnen ist Lena Kleinstrass. Ihr Bruder, Paul Kester zeigte den Frauen vom Aktiven Museum Spiegelgasse das Bild der Einsegnung seiner Schwester und fragte: „Was ist mit den anderen Mädchen passiert?“ Naumann-Götting und Kunze recherchierten daraufhin zwei Jahre lang und füllen nun mit ihren Ergebnissen die Räume des Museums: Tafeln, gestaltet von Grafikerin Natalie Sommer, beschreiben die Schicksale, zeigen Dokumente und Briefe. In einer Vitrine liegen die alten Poesiealben.

Am 5. Juni 1938 wurden am Michelsberg neun Mädchen eingesegnet. Nur drei Monate später, in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 setzten Nazis die Synagoge in Brand. Fünf der Mädchen aus Wiesbaden flohen kurz darauf mit ihren Familien oder gelangten durch Kindertransporte ins Ausland. Vier blieben in Deutschland und überlebten nicht. So auch Bettina Berney. Sie wurde von allen nur Beate genannt und wohnte mit ihren Eltern und Bruder Alfred in der Luisenstraße. Beate arbeitete im Hutgeschäft Ullmann, sie wollte Modistin werden. Doch aus politischen Gründen schlossen die Nazis das Hutgeschäft. Beate und ihre Mutter mussten Zwangsarbeit in einer Fabrik in Schwalbach leisten. Bruder Alfred flüchtete. Als Beate und ihre Mutter deportiert wurden, strich man ihre Namen aus der Arbeiterliste.

An der Tafel mit Berneys Geschichte hängt ein Zettel, darauf wird Beate wegen „Flirtereien mit deutschen Männern“ denunziert und ihr werden „Maßnahmen“ angedroht: „Es waren fröhliche junge Frauen, die einfach leben wollten“, sagt Kunze, bewegt von Berneys Geschichte.

Im hellen Kleid mit Knopfleiste strahlt auch Inge Klaus auf dem Gruppenfoto. Naumann-Götting und Kunze fanden ihre Adresse heraus, da Klaus zur Dokumentation ihre Verfolgungsgeschichte für Yad Vashem aufgeschrieben hatte. Heute heißt sie Inge Weiner und lebt in den USA. Im Mai 1939, ein knappes Jahr nach ihrer Einsegnung, schickten ihre Eltern sie mit einem Kindertransport mit 60 anderen Kindern nach England und retteten ihr so das Leben.

In ihrer Dokumentation für Yad Vashem ist der Schmerz über den Verlust zu spüren. Sie schreibt, sie habe bis 1946 versucht, ihre Eltern zu finden, doch sie waren dem Nationalsozialismus zum Opfer gefallen. In ihrem Brief an das Aktive Museum schreibt Inge Klaus: „Es ist schwer zurückzuschauen.“ Bei ihrer Einsegnung hätten alle Mädchen auf dem Foto Wünsche und Träume für die Zukunft, gehegt, für keine von ihnen hätten diese sich erfüllt, sagt Naumann-Götting.

Die Ausstellung ist bis zum 21. April im Aktiven Museum Spiegelgasse, Spiegelgasse 11, zu besichtigen. Öffnungszeiten: Donnerstag bis Freitag 16 bis 18 Uhr, Samstag 11 bis 13 Uhr. Eintritt frei.

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