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Lärm in Biebrich „Die Menschen wurden vergessen“

Das Ehepaar Frohn lebt zwischen den Biebricher Großmärkten – und leidet unter dem Verkehr. FR-Mitarbeiterin Stefanie Helsper hat sie besucht.

20.12.2010 11:16
Anke Frohn hat fotografiert, was sie kritisiert. Foto: Michael Schick

Wenn das Ehepaar Frohn samstagsmorgens aus dem Wohnzimmerfenster schaut, sehen die beiden einen Stau: Autos, die zum Baumarkt wollen oder zu Mann Mobilia XXL oder zu Pflanzen Kölle oder oder... Autos, die aufs Abbiegen warten oder an der roten Ampel. „Mehr stopp als go“, kommentiert Thomas Frohn.

Wenn das Ehepaar Frohn samstags selbst irgendwohin fahren will, „dann lassen wir’s oder warten, bis das Chaos vorbei ist“, erzählt Anke Frohn (47). Vorher kommen sie nur schlecht aus der Straße raus – „Linksabbiegen kann man vergessen“ – und stehen dann selbst ewig im Stau. Das gleiche, wenn sie zu den Stoßzeiten von der Arbeit kommen.

Heute sind viele Schnäppchenjäger und Einkäufer wohl vorgewarnt, dass die Bürgerinitiative „Biebricher gegen Verkehr XXL“ eine Demo machen wird. Denn auf der Hagenauer Straße, auf die die Frohns schauen, ist wenig los. „So müsste es immer sein, dann wären wir glücklich.“ Bis zu 27000 Autos kommen hier am Tag entlang. „Es ist nicht mehr zum Aushalten“, sagt Anke Frohn.

Die Eheleute sitzen am Frühstückstisch und beobachten die Vögel in ihrem Garten. Anke Frohn kann sich gut erinnern, wie sie als Kind hier in der Siedlung Im Rosenfeld auf Feldwegen gespielt hat. Heute ist die Siedlung ein kleines grünes Idyll zwischen riesigen Märkten, an dem die Bewohner schon in der dritten oder vierten Generation hängen. „Die Menschen hier sind vergessen worden“, meint Anke Frohn. 1930 wurde ihr Elternhaus erbaut – lange, bevor die Märkte kamen.

„Wir haben nichts gegen das Gewerbe“, sagt Thomas Frohn. Sie haben ja selbst Möbel bei Mann Mobilia gekauft. „Wir haben was gegen den Verkehr.“ Der rollt zunehmend auch durch ihre kleine Straße, weil die Autofahrer den Stau auf den Hauptverkehrsadern umgehen wollen. „Man kann die Entwicklung im Gewerbegebiet nicht rückgängig machen“, dessen ist sich Anke Frohn bewusst. Aber sie kämpfen dafür, dass nicht weiter ausgebaut wird und sich der Verkehr noch verschlimmert. „Sonst bricht es hier komplett zusammen.“

Transparente genäht

Thomas Frohn ist aus früheren Zeiten „protest- und blockiererfahren“, erzählt der 50-Jährige lachend. Und so rüsten sie sich an diesem Mittag auch für die Demo. Sie haben Transparente genäht und Plakate gemalt. Gehören zum harten Kern der Bürgerinitiative.

Anderthalb Stunden ziehen sie um ihre Siedlung herum. Thomas Frohn heute als Ordner statt als Blockierer. Als ein Auto in ihrer Straße wegen der Demo wieder umkehren muss, freut er sich aber diebisch. Seine Frau macht fleißig Fotos und strahlt über den großen Zuspruch bei der Demo.

„Ich bin total glücklich und stolz, dass wir das geschafft haben.“ Dabei hätte sie an diesem Morgen einmal ohne Staulärm ausschlafen können. ( sih)

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