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Interview mit Pfarrer Hartmann „Die Bibel ist zeitgemäß“

Der Wiesbadener Pfarrer Thomas Hartmann hat das Buch der Bücher überprüft - und darüber selbst ein Buch geschrieben, den "Bibel-TÜV"

22.10.2010 14:12
Der Pfarrer Thomas Hartmann ist Auto des Buchs "Der Bibel-TÜV". Foto: rolf oeser

Herr Hartmann, was haben Sie mit Thilo Sarrazin gemeinsam?

Auf Anhieb fällt mir da nichts ein.

Sie treffen beide provozierende Aussagen, die das Zeug dazu haben, heftige Debatten auszulösen. Wen möchten Sie mit Ihrem neuen Buch „Bibel-TÜV“ eigentlich ärgern?

Mir geht es um eine positive Provokation. Ich will das Interesse für die Bibel wecken, indem ich Themen aufgreife, die uns heute unter den Nägeln brennen – also zum Beispiel Sterbehilfe, Kriegseinsätze, Homosexualität oder die Finanzkrise. Ich beleuchte kritisch, welche Antworten die Bibel auf diese Fragen gibt.

Sie stellen die Bibel auf den Prüfstand. Was heißt das denn genau?

Viele Menschen glauben heutzutage, dass die Lehre der Bibel mit der Wissenschaft und modernen ethischen Ansichten nicht vereinbar ist. In manchen Punkten stimmt das, in anderen nicht – in meinem Buch überprüfe ich das in verschiedenen Einzelfällen.

Nehmen wir Ihr Gesamturteil vorweg. Ist die Bibel heute noch zeitgemäß?

Natürlich äußert sie sich nicht zu Aktien und Hedgefonds. Aber man bekommt noch immer ein klares Kriterium geliefert, wie man sich dem Staat und seinen Mitmenschen gegenüber verhalten soll. So gesehen ist sie absolut zeitgemäß.

Gleich in der Einleitung schreiben Sie: „Bitte lesen Sie ab hier nicht weiter, wenn Sie glauben, dass die Bibel vom Himmel gefallen ist.“ Wie ist das gemeint?

Damit spreche ich die Fundamentalisten an, mit denen man über die Schöpfungslehre oder Homosexualität gar nicht streiten könnte. Ich stelle die Bibel in manchen Aussagen durchaus in Frage. Sie ist für mich zwar Wort Gottes – aber dennoch von Menschenhand redaktionell bearbeitet. Da nehme ich kein Blatt vor den Mund.

In der Tat: Nach jedem Ihrer 14 Kapitel verteilen Sie die sogenannte TÜV-Plakette. Das, was die Bibel über Homosexualität schreibt, verurteilen Sie kurzerhand als „schrottreif“. Haben Sie noch keine Morddrohungen bekommen?

Zum Glück nicht, nein (lacht). Aber ich denke schon, dass das noch zu erheblichen Diskussionen führen wird – übrigens nicht nur in der katholischen Kirche.

Sie haben vor Jahren selbst die Segnung eines homosexuellen Paares in der Kirche abgelehnt, weil das die Bibel Ihrer Meinung nach nicht gestatte und Sie sich als „schriftgläubig“ bezeichneten. Sind Sie sozusagen vom Saulus zum Paulus geworden?

Ich habe schon damals klar gesagt, dass die Diskriminierung von Homosexuellen in der Bibel absolut nicht mehr zeitgemäß ist. Trotzdem sah ich eine Segnung durch den Auftrag Jesu nicht legitimiert. Inzwischen hat sich mein Bild allerdings etwas verschoben.

Das heißt?

Wenn ich die Liebe Gottes als entscheidendes Kriterium nehme, dann kann ich Menschen, die sich aufrichtig lieben, nicht von einer Segnung ausschließen – das betrifft auch homosexuelle Paare.

Klingt trotzdem nach einem inneren Kampf.

..

Dies war in der Tat das Buchkapitel, welches mir am meisten Kopfzerbrechen bereitet hat. Aber meine eigenen Kriterien haben dazu geführt, dass ich einer Segnung grünes Licht erteilen muss.

Noch so ein heißes Eisen: Gleich im ersten Kapitel schneiden Sie den Missbrauchsskandal in der Kirche an. Besteht die Bibel als Richtschnur zur Erziehung von Kindern den TÜV?

Unterm Strich – ja. Sie ist zwar kein Erziehungshandbuch, lehrt aber einen sehr positiven Umgang mit Kindern. Die Bibel sagt sogar: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, kommt ihr nicht ins Himmelreich.“ Das ist eine unglaubliche Aufwertung, die bis heute in vielen Bezügen nachwirkt.

Auch eine grüne TÜV-Plakette macht wenig Sinn, wenn dessen Besitzer ein schlechter Autofahrer ist. Angesichts der Missbrauchsfälle: Wäre es für manche Geistliche nicht mal an der Zeit für einen Idiotentest?

Wenn Sie das so scharf formulieren wollen, kann ich dem nur zustimmen. Ich möchte aber sagen: Kindesmissbrauch beruht auf krankhaften Vorgängen. Mich damit zu beschäftigen, ist nicht das Anliegen meines Buches

Sie haben Ihr Werk schon auf der Buchmesse vorgestellt. Wie ist die Resonanz allgemein?

Auch wenn das Ganze noch relativ frisch ist, habe ich schon ein paar Reaktionen gelesen – witzigerweise unter anderem in einem Forum des Rolling-Stones-Magazins: Da meinte ein durchaus kritisch eingestellter Mensch, der Bibel-TÜV hätte ihn so sehr überzeugt, dass er die echte Bibel jetzt mal wieder lesen wolle. Ich finde, das ist ein großer Erfolg.

Interview: Bastian Beege

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