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Helene-Lange-Schule „Ein Schlag ins Gesicht“

Fünf sexuell missbrauchte ehemalige Helene-Lange-Schüler nehmen in der Frankfurter Rundschau Stellung zum Verhalten der langjährigen Schulleiterin Enja Riegel und der Darstellung des Skandals um Kunstlehrer Hajo Weber in den Medien.

02.01.2011 17:06
Enja Riegel Foto: Christoph Boeckheler

Fünf sexuell missbrauchte ehemalige Helene-Lange-Schüler nehmen in der Frankfurter Rundschau Stellung zum Verhalten der langjährigen Schulleiterin Enja Riegel und der Darstellung des Skandals um Kunstlehrer Hajo Weber in den Medien.

Wir fünf, die von den sexuellen Übergriffen durch Herrn Weber betroffenen Jungen, wenden uns mit dieser Stellungnahme an die Öffentlichkeit, da aufgrund der Bilderfunde im Stadtarchiv Wiesbaden die Missbrauchsfälle durch Herrn Weber erneut in aller Munde sind. Wie schon zu Beginn 2010 werden die damaligen Geschehnisse nur lückenhaft dargestellt und dienen primär der Rechtfertigung damals getroffener bzw. nicht getroffener Entscheidungen. In unseren Augen wird durch fehlenden Mut zur Übernahme von Verantwortung die Chance nicht genutzt, aus den damaligen Geschehnissen zu lernen.

Nachdem die Missbrauchsfälle Anfang 2010 in der Öffentlichkeit auftauchten, trafen wir uns mehrmals. Schnell kristallisierte sich die Frage heraus: „Warum wurden wir damals einfach in Ruhe gelassen? Wieso haben wir Kinder die Gelegenheit bekommen, unsere Erlebnisse tief in uns zu vergraben?“ Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, sprachen wir mit einem damaligen Lehrer und einer weiteren Person, die in der Helene-Lange-Schule tätig war. Beide formulierten: „Ich war mit der Situation überfordert.“ Auch Frau Riegel, die ehemalige Schulleiterin, bekannte in einem Interview: „Wir waren alle, auch ich, zu naiv und zu schlecht informiert darüber, was Pädophilie bedeutet und wie ein Pädophiler vorgeht.“ (TAZ online, 12. 12. 2010)

Beschämende Äußerung

Diesen Aussagen möchten wir entgegnen: Bis 1990 gab es mindestens 54 deutschsprachige Bücher zum Thema „Sexueller Kindes-Missbrauch“. Selbstständiges Lernen war Grundbestandteil der Helene-Lange-Schule, daher sind wir von der damaligen Schulleitung und dem damaligen Lehrerkollegium enttäuscht. Außerdem stellt sich aufgrund des Eingeständnisses der Überforderung die Frage, warum keine Hilfe durch Experten in Anspruch genommen wurde. Wir finden daher Frau Riegels Äußerung „Wir haben uns vorbildlich, jedenfalls nach bestem Wissen und Gewissen verhalten“ (Wiesbadener Kurier online, 16. 3. 2010) beschämend.

Es ergibt sich aus unserer Sicht eher das Bild, dass so schnell wie möglich versucht wurde, wieder zurück zur Normalität zu gelangen: Herrn Weber wurde eine Therapie nahegelegt und wir fünf besuchten ganz normal den Unterricht weiter. Keiner unserer Gesprächspartner konnte sich erinnern, ob in der Schule nach weiteren Missbrauchsopfern Ausschau gehalten wurde. Eine Aufklärung der Schülerinnen und Schüler zum Thema sexueller Missbrauch wurde nicht strukturell im Schulalltag verankert.

Eine weitere Aussage, durch die sich Frau Riegel selbst disqualifiziert, ließ sie über ihren Rechtsanwalt mitteilen: „Sie habe nie den Eindruck gehabt, dass die vier betroffenen Schüler in irgendeiner Weise Schaden davon getragen hätten.“ (Wiesbadener Kurier online, 3. 5. 2010) Auch aktuell spricht sie noch von vier Jungen. (hr-Sonntagsgespräch, 28. 11. 2010)

Neben der aussagekräftigen Tatsache, dass sich Frau Riegel an einen von uns nicht erinnert, benennt sie indirekt die zweite versäumte Chance, sich innerhalb des Schulalltags mit sexuellem Missbrauch auseinanderzusetzen: Zwei von uns wurden aufgrund ihrer Verhaltensauffälligkeiten ca. eineinhalb Jahre nach den Vorfällen anderen Klassen zugeordnet. Statt sich damit zu beschäftigen, ob die Auffälligkeiten mögliche Folgen des Missbrauchs waren, wurden lediglich die Symptome beseitigt.

Vor diesem Hintergrund sind Frau Riegels Äußerungen „Wir haben daraus Lehren gezogen, wie wir in Zukunft mit so was umgehen, wie genau wir eigentlich hingucken müssen bei Kindern, wann wir sehen, welche Veränderungen ein Kind hat“ (hr-Sonntagsgespräch, 28. 11. 2010) nichts weiter als leere Worte. Da Frau Riegel bei ihren Stellungnahmen zu den damaligen Geschehnissen nur wohlklingende Sätze wählt und darstellt, wem sie wann Meldung über die Vorfälle gemacht hat, stufen wir ihre Äußerungen als egoistisch motivierte Image-Pflege ein, nicht als Aufarbeitung der damaligen Ereignisse. Um bei ihrer Image-Kampagne Herrn Webers Verfehlungen herunterzuspielen, behauptet sie die falsche Tatsache: „Das muss ein Mal oder zwei Mal gewesen sein“, (hr-Sonntagsgespräch, 28. 11. 2010), was uns einem Schlag ins Gesicht gleicht.

Wenn sie darüber hinaus mit dem Wunsch um ein „persönliches Gespräch zwischen uns als in unterschiedlicher Weise Betroffene“ an uns herantritt, wird es schlicht unerträglich. Statt diesem Wunsch nachzukommen, möchten wir die „Betroffene“ darauf aufmerksam machen, dass sie in unseren Augen eine Handelnde – eine Entscheidungsträgerin – war, die zu jener Zeit in verschiedenste Richtungen hätte aktiv werden können. Diese Entscheidungsfreiheit verdeutlicht sich auch in einem Schreiben von Frau Riegel im Jahr 1994, in dem sie von Herrn Webers Tätigkeiten nach dem Bekanntwerden der Vorfälle berichtet: „[Er hat] zweimal Lehrer-Schüler-Gruppen außerhalb der Schule [begleitet]. Das waren einmal der Besuch der TheaterWerkstatt in Jena [...] und zum anderen eine Fahrt an die Nordsee [...]. Ihr/Euer Brief war noch einmal Anlass, um sowohl innerhalb der Schulleitung als auch zwischen Schulleitung und Personalrat und Herrn Weber selbst seinen Einsatz in der Helene-Lange-Schule ausführlich zu überdenken und neu festzulegen. Begleitungen von Schülern außerhalb des Schulgebäudes sollen jeweils im Einzelfall zwischen Personalrat und Schulleitung geklärt werden.“

Das Schweigen brechen

Des Weiteren berichtet das Schreiben von Herrn Webers Aufgabe, für ein Buch über die Helene-Lange-Schule Fotos zu machen. Es ist naheliegend anzunehmen, dass es sich hierbei um eine Veröffentlichung handelt, an der Frau Riegel persönlich beteiligt war. Um die damaligen Ereignisse in einer zukunftsweisenden, konstruktiven Weise zu nutzen, möchten wir darum bitten, von weiteren Interviews mit Frau Riegel abzusehen. Persönliche Profilierung, die wieder nur die Hälfte zugibt („Er wurde ein einziges Mal […]“), bei der sich wieder nur herausgeredet wird („[Das war] nicht meine Entscheidung […]“, (jeweils TAZ online, 12. 12. 2010) und sogar falsche Tatsachen behauptet werden („Er durfte keinen Kontakt mit Schülern haben“) (hr-Sonntagsgespräch, 28. 11. 2010), braucht kein Mensch. Die Zeilen sollten besser genutzt werden, um eine fruchtbare Diskussion zu entfachen, wie sexuellem Missbrauch strukturell vorgebeugt werden und wie nach Bekanntwerden eines solchen Vorfalls reagiert werden könnte.

Wir hoffen, dass unsere abschließenden Anregungen dazu aufgenommen werden: Zunächst sollte in einer Institution eine Erzählkultur zum Thema sexueller Missbrauch gefördert werden, damit dieses Thema nicht weiter mit Tabus behaftet ist. Die Hauptziele sollten hierbei sein, dass sich die Beschäftigten aktiv mit diesem Thema auseinandersetzen und eine Atmosphäre geschaffen wird, die es im Falle eines Missbrauchs den Betroffenen erleichtert, ihr Schweigen zu brechen.

Darüber hinaus kann es nur von Vorteil sein, wenn innerhalb einer Institution vorab Kommunikationswege und Handlungsschritte festgelegt werden, um im Falle eines sexuellen Missbrauchs niemandem die situative Entscheidungsverantwortung aufzuerlegen. Betroffene Kinder und deren Eltern profitieren von einer psychotherapeutischen Begleitung. Um generell dem Umstand „Wir waren mit der Situation überfordert“ entgegenzuwirken, sollten Handlungsstrategien schriftlich fixiert werden, die einen Umgang mit gänzlich neuen Situationen anleiten.

"Die Fünf"

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