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Grundschulen „Frau Herber, du, guck mal“

Oft unterschätzt: Wegen des hektischen und anstrengenden Alltags haben im vergangenen Jahr mehr als 250 Lehrerinnen eine Überlastungsanzeige an das Kultusministerium unterschrieben.

16.02.2011 14:13
Gaby Buschlinger
Cornelia Herber ist Grundschullehrerin in der Freiherr-vom-Stein-Schule in Biebrich. Foto: Rolf Oeser

Traumjob Grundschullehrerin: Zwölf Wochen Ferien im Jahr, nur halbtags arbeiten, und Kindern das Einmaleins sowie das ABC beizubringen bedarf doch keiner großen Vorbereitung ... Wenn Cornelia Herber (32) von der Freiherr-vom-Stein-Grundschule in Biebrich hört, dass sich Außenstehende ihren Arbeitsalltag als gemütlich vorstellen, „kann ich richtig sauer werden“.

Ihr Alltag sieht nämlich alles andere als gemütlich aus. So fühlen sich Grundschullehrerinnen eher hoffnungslos überlastet: 256 Lehrerinnen der 34 Wiesbadener Grundschulen haben Ende vergangenen Jahres eine sogenannte Überlastungsanzeige an Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) unterschrieben. Vor lauter Konzepterstellungen, Lernstandserhebungen, Sprach- und Kontrolltests und dem Protokollieren eines jeden Handschlags komme das Wichtigste ihres Jobs zu kurz, klagen die Grundschullehrerinnen: die Kinder und deren individuelle Förderung.

Cornelia Herber und das gesamte Kollegium der Freiherr-vom-Stein-Schule haben diese Überlastungsanzeige ebenfalls unterzeichnet. Doch wer die 32-Jährige, die vor fünf Jahren ihr Referendariat beendet hat, bei ihrer Arbeit beobachtet, bekommt nicht den Eindruck, die Kinder kämen zu kurz. Es ist vielmehr sie selbst, die zu kurz kommt. Gegenüber ihren Schützlingen lässt sie sich nichts anmerken; weder, dass sie seit acht Stunden nicht auf Toilette war, noch dass sie seit fünf Stunden nicht einen Tropfen getrunken geschweige denn etwas gegessen hat.

Im Gegenteil: Ihre Schützlinge bombardieren ihre Klassenlehrerin beinahe nonstop mit Fragen („Guck mal, Frau Herber, ist das so richtig?“, „Du, Frau Herber, darf ich Filzstifte zum Anmalen nehmen?“) und Berichten („Frau Herber, übermorgen wird meine Tante 22 Jahre!“, „Frau Herber, guck mal, mein Zahn wackelt!“), und Frau Herber guckt, nickt, staunt, hilft, korrigiert, mahnt, wechselt Patronen, klebt Pflaster und verliert weder Geduld noch Nerven.

Trotz des permanenten Geräuschpegels, trotz der immer muffigeren Luft in dem winzigen Klassenzimmer und trotz der Frage nach den Hausaufgaben, die bereits dreimal gestellt und beantwortet worden war. „Man muss Kinder mögen und das Chaos“, lacht die Pädagogin.

Um sieben Uhr morgens beginnt für Cornelia Herber, Klassenlehrerin der 2a, die Arbeit. Eine Stunde vor Unterrichtsbeginn könne sie sich ungestört im Klassenzimmer auf den Unterricht vorbereiten, sagt sie und macht stapelweise Kopien von den rund zehn verschiedenen Arbeitsblättern. Kurz vor acht trudeln dann geräuschvoll Katharina, Caleb, Fabrizio, Aaliyah, Tobi, Vivienne, Houssam, Nat, Azam, Talha, Ece, Carla, Seramar und Joseline ein (nicht alle Eltern möchten, dass die Namen ihrer Kinder veröffentlicht werden). Weil der Jahrgang so klein ist, muss Cornelia Herber nur 15 Sieben- und Achtjährige in Schach halten und individuell fördern. Über die kleine Klasse ist sie aber vor allem froh, weil das Klassenzimmer so winzig ist.

In der zweiten Unterrichtsstunde gibt Cornelia Herber Diktate zurück. Die Stimmung ist mies. „Keine eins dabei“, sagt die 32-Jährige mahnend. „Was ist denn an Februa falsch?“, wundert sich Houssam und sein Nachbar murmelt nur „Schwere Diktat!“ Neun Nationalitäten sind in der 2a versammelt. Aber Sprachschwierigkeiten gebe es dank des Deutsch-Vorlaufkurses kaum, sagt Herber.

Als beim offenen Arbeiten der Lärmpegel doch zu hoch wird, ertönt ein „Pling“, Herber streckt einen Arm hoch und zählt von fünf rückwärts. Nach und nach reckt jedes Kind den linken Arm hoch und legt den rechten Zeigefinger über die Lippen: das Leisezeichen, an vielen Grundschulen üblich. Jetzt kann die Klassenlehrerin die Hausaufgaben mitteilen. Schließlich sammelt sie die schwarzen Mappen mit den ausgefüllten Arbeitsblättern ein. „Wer fertig ist, kann frühstücken!“ Und schon liegen bunte Boxen auf den Pulten, und es riecht nach Leberwurst und Banane. Zum ersten Mal sitzt Cornelia Herber. Sie liest beim Frühstück vor. Heute ist nach drei Minuten allerdings Schluss. Es klingelt zur Pause. Die Kinder zischen raus, nur zwei Jungs müssen bleiben und versäumte Hausaufgaben nachholen. Frau Herber zückt ihre Wasserflasche, steckt sie aber sofort wieder zurück: Eine Kollegin bringt 15 Blockflöten. „Das bedeutet, ich muss 15 Benachrichtigungen für die Eltern schreiben und das Geld eintreiben“, sagt Herber und räumt die Lieferung erst mal in den Schrank. „Darum kümmer’ ich mich später!“

Nach einer Viertelstunde poltern die Kinder zurück ins Zimmer. Talhe braucht ein Pflaster, Nat jammert, weil er sich am Ellbogen gestoßen hat und Fabrizio ist übel. Frau Herber scheint zehn Ohren und vier Hände zu haben: tröstende Worte hier, ein Pflaster dort und alles fast gleichzeitig. Im Gänsemarsch geht es nun pärchenweise zum Altbau der Stein-Schule, weil hier die Turnhalle ist. Jacken müssen angezogen, die viel befahrene Rathausstraße muss überquert werden. Frau Herber bezwingt rasch den klemmenden Reißverschluss von Tobi und erkundigt sich nochmal nach Fabrizios Befinden. Beim Sport will er nur zuschauen. In der Turnhalle öffnet Herber dann rasch die Geräte-Garagen, stellt den Rekorder auf und springt in ihre Turnschuhe. Zum Umziehen hat sie keine Zeit, an Sport-Tagen kommt sie gleich in Jogginghose. In der Halle ist die Akustik für das Gequieke und Gerufe optimal. Der Beobachterin dröhnt allmählich der Schädel. Es ist erst 10.15 Uhr. Nach der Stunde mit Seilhüpfen und Bällewerfen macht Herber wieder den fliegenden Schuhwechsel, kontrolliert die Umkleiden und geht nahtlos zu ihrer Pausenaufsicht über. Eine Kollegin fragt nach einem verschollenen Turnbeutel, zwei Mädchen wollen Tischtennis spielen, obwohl die Platte komplett umzingelt ist, eine Viertklässlerin braucht den Kloschlüssel und in der Fußballecke gibt es Ärger. Frau Herber schlichtet, gibt Anweisungen, schiebt die Mädchen in die Tischtennis-Runde und ist erleichtert über das Pausenende um 11.45 Uhr. „Good Morning“ begrüßt sie nun die 3a. Fachunterricht ist dran. Ausgerechnet beim Leisezeichen ( „Five, four, three ...“) gibt es auf einmal Krawall. „Wir machen jetzt entweder ein V oder alle Finger hoch“, sagt Max. Der bisherige Leisefuchs (Mittel- und Ringfinger auf den Daumen) entspricht dem Erkennungszeichen der in Biebrich aufgeflogenen rechtsextremen Grauen Wölfe, „und mit denen wollen wir nix zu tun haben“. Ein Schüler macht das alte Zeichen trotzdem. Ein anderer am vorderen Tisch tobt. Frau Herber zischt „schscht“. Es folgt empörter Protest: „Aber er hat ...“, doch Frau Herber zischt erneut. Erfolgreich.

Um 12.30 ertönt die Klingel, Frau Herber packt ihre zwei großen Taschen und geht nach nebenan: Förderunterricht in Kleingruppen für Migrationskinder. Zum zweiten Mal heute sitzt die Lehrerin. Aber nur drei Minuten. Entweder steht sie an der Tafel, oder – meistens – beugt sie sich an den Tischen zu den Arbeitsheften der Schüler. Um 13.15 Uhr ist Schluss, Frau Herber trinkt aus ihrer Wasserflasche. Zum ersten Mal heute. Um 13.20 ist sie wieder in der Turnhalle bei der Bewegungs-AG, beim Öffnen der Geräte-Garagen zupft sie von ihrem Stückchen einen Fetzen ab. Kauend sortiert sie noch schnell die Springbälle in die richtige Kiste.

Und um 14.15 Uhr ist die Schule für Frau Herber aus. „Ich bin fertig“, sagt sie. Aber nur psychisch. Denn Feierabend ist noch lange nicht: Jetzt werden Tests und Hausaufgaben korrigiert, die Benachrichtigungen über das Eintreffen der Blockflöten geschrieben. Bis 16 Uhr ist die Lehrerin mindestens beschäftigt. Weil das Lehrerzimmer so beengt ist, nutzt Cornelia Herber das Pult in ihrem Klassenzimmer als Schreibtisch.

Oft hockt sie aber auch noch zu Hause über Papierkram. Es müssen Förderkonzepte für Kinder mit Konzentrationsschwächen oder niedriger Frustrationstoleranz ausgetüftelt werden. Das Ganze muss in einen Förderplan gegossen und schriftlich beantragt werden. Elterngespräche und -abende beanspruchen Zeit, auch das Organisieren von Lesenächten, Ausflügen oder Projektwochen. Da zwischen den Unterrichtsstunden keine Zeit für Gespräche mit Kollegen bleibt, sind bis zu zwölf Stunden im Monat für Konferenzen und Kooperationsgespräche nötig. „40 Stunden, wenn nicht mehr“ arbeite sie in der Woche, überschlägt Herber.

Trotzdem liebt sie ihren Job. „Es ist toll, wenn sie mit allem, was sie so bewegt, zu einem kommen.“ Auch wenn sie es meistens gleichzeitig tun.

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