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Grabpatenschaften Rettung für letzte Ruhestätten

Um denkmalgeschützte Grabmale wie den Engel auf dem Nordfriedhof zu erhalten, vergibt die Stadt seit 1991 Patenschaften. Es handelt sich dabei um Grabstätten, für die das Nutzungsrecht abgelaufen ist. Doch nicht jedes Grab bekommt auch einen Paten.

22.02.2012 05:14
Mirjam Ulrich
Engel und andere Grabskulpturen sind bei den Paten sehr gefragt. Mausoleen eignen sich nur für begüterte Mäzene, doch auch für Interessenten mit kleinerem Budget gibt es schöne Grabsteine. Foto: Stephan Morgenstern

Ein Engel wacht schon über seinem Grab – dabei lebt Volker Hehner doch noch. Überlebensgroß steht der Engel da, hell und mit prächtigen Flügeln. Die Locken fallen ihm bis auf die Schultern, in den Händen hält er eine Schriftrolle. Seit mehr als 100 Jahren wacht er über den achtjährigen Fred, der am 1. Juni 1900 starb. Eines Tages wird der Engel auch Volker Hehner behüten. Der Handwerksmeister aus Wiesbaden ist einer von gut 100 Grabpaten und für die Pflege und Restaurierung dieser Ruhestätte verantwortlich.

„Der Tod gehört bei uns mit dazu, ebenso der Gang zum Friedhof“

Mit seiner Lebensgefährtin unternimmt er oft Spaziergänge auf dem Nordfriedhof und genießt die Ruhe dort. „Dabei kommen wir auch immer an dem Engel vorbei“, erzählt der 70-Jährige. „Da weiß ich, dass ich eines Tages in der Gruft dort liegen werde.“ In seiner Stimme schwingt heitere Gelassenheit. „Der Tod gehört bei uns mit dazu, ebenso der Gang zum Friedhof.“ Die Idee, eine Patenschaft zu übernehmen, stammt von seiner Lebensgefährtin. Diese hat schon eine für ihre Eltern. Volker Hehner und sie entschlossen sich, auch eine Patenschaft über ein Grab für sich selbst abzuschließen.

Um denkmalgeschützte Grabmale wie den Engel auf dem Nordfriedhof zu erhalten, vergibt die Stadt seit 1991 Patenschaften. Es handelt sich dabei um Grabstätten, für die das Nutzungsrecht abgelaufen ist und die deshalb sonst dem Verfall preisgegeben wären. Das Angebot reicht vom kleinen Urnenwahlgrab bis zum großen Mausoleum. Ein kleines weißes Schild mit einem „P“ darauf macht freie Patengräber kenntlich. Auf der Rückseite steht eine Nummer, unter der Interessenten weitere Informationen bei der Friedhofsverwaltung bekommen.

Bis zu drei Jahre müssen die Paten warten

Alle Gräber seien katalogisiert, erläutert Michael Reifenberger von der Abteilung Friedhofswesen im Amt für Grünflächen, Landwirtschaft und Forsten. Er berät die Grabpaten individuell und bleibt auch nach Vertragsabschluss mit ihnen in Kontakt. Auch Volker Hehner und seine Lebensgefährtin meldeten sich bei der Friedhofsverwaltung und baten um ein Grab mit einem Engel. „Das war der Wunsch meiner Lebensgefährtin“, sagt der Installateurmeister. Etwa drei Jahre mussten sie auf ihn warten, erzählt er weiter. „Und dann bekamen wir einen der schönsten Engel überhaupt.“ Historische Grabmale mit Engeln und anderen Figuren seien besonders beliebt, sagt die Denkmalpflegerin Anja Beisiegel von der Unteren Denkmalschutzbehörde. „Solche Gräber bekommt man heute aus Kostengründen gar nicht mehr.“ Auch einfache Stelen mit einem Kreuz oder einer Urne vermittelten sich gut an Paten, denn diese Grabmale seien häufig mit einem geringen Aufwand wiederherzustellen. Grabmale aus Sandstein oder gar Mausoleen finden wegen der damit verbundenen Kosten hingegen weniger leicht einen Paten.

2000 Euro für die Reparatur eines Engels

Denn mit Vertragsabschluss geht der Pate die Verpflichtung ein, das Grab nicht nur zu pflegen, sondern auch zu erhalten. Er muss also auch die nötigen Restaurierungsarbeiten bezahlen. So gab Volker Hehner 2000 Euro aus, um an „seinem“ Engel aus weißem Jurakalkstein einen Riss im Flügel zu reparieren und das Grabmal zu reinigen. Allerdings achten Anja Beisiegel und Michael Reifenberger darauf, dass die Grabzeichen nur dann gereinigt werden, wenn es erforderlich ist.

„Ein Patengrab soll nicht dadurch zu erkennen sein, dass es blitzsauber und besonders frisch aussieht“, sagt die Denkmalpflegerin. „Wo es dem Stein nicht schadet, soll es seine Patina behalten.“ Auf jeden Fall müsse jedoch gewährleistet sein, dass das Grab standfest und verkehrssicher sei, ergänzt Michael Reifenberger. Beide Ämter arbeiten bei der Vergabe von Grabpatenschaften eng zusammen.

Die Pflicht eines Paten ist es auch, die Namen der Vorgänger zu erhalten

Volker Hehner hatte Glück, der große Kalksteinengel erwies sich bei einer Überprüfung durch einen Steinmetz und einen Restaurator als standfest. Im Zuge der Restaurierungsarbeiten ließ er dann gleich die drei roten Granitplatten mit den Namen der ursprünglich Bestatteten auf die Rückseite des Grabmales verlegen und eine neue Platte aus dem gleichen Material für sich und seine Lebensgefährtin anbringen. Denn auch das gehört zu den Pflichten eines Grabpaten: die Namen der Vorgänger zu erhalten. Es müsse dokumentiert sein, dass das Grab einst einem anderen gehörte und nicht aus dem Jahr 2012 stamme, stellt die Denkmalpflegerin Beisiegel klar. „Das wäre sonst Geschichtsklitterung.“ Doch nicht immer lasse sich der Grabstein einfach drehen, so dass die Namen der ursprünglich Bestatteten auf der Rückseite stünden. Dann müssten andere Lösungen gefunden werden, etwa ein Steinkissen für die Namen der später Beerdigten.

Die Stadt räumt Rabatte von bis zu 50 Prozent ein

Der Grabpate erhält nämlich im Gegenzug die Möglichkeit, sich oder Angehörige in dem Grab bestatten zu lassen. „Die Kosten für das Nutzungsrecht fallen erst bei einem Sterbefall an“, erläutert Michael Reifenberger. Vorher entständen dem Paten keine Erwerbskosten. Die Stadt räume dabei dem Paten einen Rabatt von 25 bis 50 Prozent ein, abhängig von der Größe und Lage des Grabes. So fielen beispielsweise für ein Erdwahlgrab durchschnittlich 2700 Euro an, für ein Doppelgrab 5600 Euro. Bei Gruften und Einzelgräbern komme noch ein Zuschlag hinzu. Bei großen Grabanlagen wie den Mausoleen – wo ein Pate womöglich eine sechsstellige Summe in die Sanierung investiere – entscheide der Magistrat über die Gebührenhöhe. Für Volker Hehner spielte der Rabatt jedoch keine Rolle. Er möchte einfach einmal auf dem Nordfriedhof beerdigt werden. Viele seiner Verwandten liegen schon dort, auch seine erste Ehefrau, die 1967 im Alter von 24 Jahren starb. Da war er selbst gerade einmal 25 und beider Sohn noch sehr klein. „Seit 45 Jahren gehe ich also regelmäßig zum Nordfriedhof“, sagt er nur.

„Viele lächeln darüber, dass ich eine Grabpatenschaft übernommen habe“

Allein dort gibt es derzeit 120 freie Patengräber, insgesamt sind es 250. Die anderen befinden sich auf den Friedhöfen Biebrich, Kastel und Kostheim sowie auf den anderen Vorortfriedhöfen. „Die Zahl der zu vergebenen Patengräber ändert sich laufend“, sagt Michael Reifenberger. Sowohl er als auch Anja Beisiegel raten dazu, nicht erst bei einem Todesfall nach einem Patengrab Ausschau zu halten. Erfahrungsgemäß überfordere es die Interessenten in der Situation leicht, sich zusätzlich noch mit Fragen der Restaurierung auseinandersetzen zu müssen. Wenn Volker Hehner oder seine Lebensgefährtin einmal sterben, wird die Gruft von der Friedhofsverwaltung vor der Beerdigung geräumt. „Vorher nicht, denn nicht alle Paten wollen das Grab auch für sich selbst nutzen“, sagt Michael Reifenberger. Sollten sich noch Überreste finden, werden die in einem Gebeinsarg in einer speziellen Abteilung des Friedhofs beigesetzt. Das gilt auch für Urnen – in Mausoleen verbleiben sie allerdings auch, das hängt von deren Zustand ab. Dass sich der Handwerkermeister Hehner schon zu Lebzeiten ein Grab aussuchte, trifft in seinem Freundes- und Bekanntenkreis oft auf Unverständnis. „Viele lächeln darüber, dass ich eine Grabpatenschaft übernommen habe“, erzählt er. „Es gibt unzählige Leute, die damit nichts zu tun haben wollen.“

Ein Schüler als Grabpate

Die Motive, eine Patenschaft für ein historisches Grabmal zu übernehmen, seien ganz unterschiedlich, hat Denkmalpflegerin Anja Beisiegel festgestellt. Keineswegs handele es sich bei den Grabpaten immer um ältere Menschen. „Es gibt auch eine ganze Reihe junger Paten“, erzählt sie. „Auf dem Südfriedhof übernahm vor einigen Jahren sogar ein Schüler ein Patengrab, weil es ihm so gut gefiel.“ Manchen Paten ginge es darum, ein Grab auf einem besonders schönen Friedhof zu bekommen, obwohl sie außerhalb des jeweiligen Bestattungssprengels wohnten. Andere suchten sich gern schon zu Lebzeiten eine Grabstätte aus oder wollten einen Ort für ihre Trauer. Und etlichen Grabpaten liege einfach die Denkmalpflege am Herzen.

"Dem Nordfriedhof ist es wert, dass man diese herrliche Stätte auf diese Weise erhält und pflegt"

Denn das Amt für Grünflächen dürfe und könne aus seinem Gebührenhaushalt keine Sanierungs- oder Erhaltungsarbeiten bezahlen, erläutert Reifenberger. Das Amt stelle daher häufig Förder- und Zuschussanträge beim Kulturamt und dem Land Hessen, bei der Denkmalschutzbehörde und Stiftungen wie etwa der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Doch dies beziehe sich immer nur auf einzelne Grabmale. Michael Reifenberger und Anja Beisiegel sehen daher Patenschaften als eine gute Möglichkeit, nicht nur die historischen Grabstätten, sondern auch den Charakter eines Friedhofs wie etwa des denkmalgeschützten Nordfriedhofs zu erhalten.

„Der Nordfriedhof ist schon etwas ganz Besonderes“, findet auch Volker Hehner. „Es ist es wert, dass man diese herrliche Stätte auf diese Weise erhält und pflegt.“

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