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Geschasster Ein-Euro-Jobber verklagt die Stadt

Wilfried Lüderitz fordert Festanstellung für ein Jahr / Ex-Mitarbeiter vom Multimedia-Archiv

05.07.2008 00:07
GABY BUSCHLINGER

Wilfried Lüderitz hat beim Arbeitsgericht Klage gegen die Stadt eingereicht. Der 62-Jährige will, dass die Stadt ihn für ein Jahr fest anstellt. Am 16. Juli (9.30 Uhr) ist ein so genannter Gütetermin vor dem Arbeitsgericht.

Der studierte Kunsthistoriker und Pädagoge hatte zwei Jahre lang im Multimedia-Archiv der Stadt reguläre Arbeit gemacht, für einen Euro die Stunde. Mehrmals hätte ihm seine Vorgesetzte eine befristete Festanstellung versprochen, doch auf seine Bewerbungen beim Kulturamt folgten nie Antworten, heißt es in der Klageschrift. Befristet eingestellt wurde stattdessen Lüderitz' Kollege. Ebenfalls ein Ein-Euro-Jobber, den Lüderitz eingearbeitet hatte.

Als der Leiter des Multimedia-Archivs in ein anderes Amt wechselte, übernahm Lüderitz dessen Arbeit. Ab April 2006 war der Ein-Euro-Jobber "faktisch nicht nur alleiniger Mitarbeiter des Multimedia-Archivs, sondern auch dessen Leiter", bringt es der Arbeitsrechtler Schütte in seiner Klageschrift auf den Punkt.

Ein Jahr später wurde der gut bezahlte Leitungsposten dann doch besetzt: Mit Georg Habs. Kulturdezernentin Rita Thies (Grüne) musste nämlich ihren Parteifreund rasch mit einem Posten versorgen, da sie ihn nicht mehr wie versprochen als persönlichen Referenten haben wollte. Lüderitz war bass erstaunt. Denn: Habs ist Mediziner, hat mit Datenbanken nichts am Hut. Die Arbeit machten also weiterhin Lüderitz und sein Kollege. Aus Verzweiflung über das Hinhalten und die Ausbeutung wandte sich Lüderitz im Februar an die Öffentlichkeit. Nachdem mehrere Medien über seinen Fall berichtet hatten, schmiss ihn die Stadt im April fristlos raus. Er verlor sein kleines Zubrot von 120 Euro im Monat.

Doch Lüderitz gibt immer noch nicht auf. Auch wenn Ein-Euro-Jobs keine Arbeitsverhältnisse sind, versucht Lüderitz sich trotzdem einzuklagen. Sein Anwalt Reinhard Schütte zeigte sich wegen der "besonderen Konstellationen" zuversichtlich, dass das Arbeitsgericht die Klage zulassen werde. Die Stelle von Lüderitz sei laut Kulturamtsleiter Arno Fischer "vom Personalsteuerungsservice mit BAT V b bewertet worden", so der Arbeitsrechtler. Diese Eingruppierung zeige, dass es sich um eine reguläre Stelle handele; Ein-Euro-Jobs hätten aber "zusätzlich und gemeinnützig" zu sein. Zudem gebe es schriftliche Beweise für die zugesagte Festanstellung. Obendrein habe Lüderitz eine eigene Mail-Adresse bekommen.

Sollte Lüderitz nicht für ein Jahr fest angestellt werden, fordert er zumindest Schadensersatz in Höhe von rund 14 500 Euro wegen Altersdiskriminierung. Sein Ein-Euro-Job-Kollege sei im August 2007 eingestellt worden, "nur weil er jünger ist". Fachlich sei Lüderitz der geeignetere Mitarbeiter.

Weder von der Kulturdezernentin noch vom Kulturamtsleiter war am Freitag eine Stellungnahme, zu bekommen, weil sich beide im Urlaub befinden.

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