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Gerettete Kulturgüter Die Monuments Men von Wiesbaden

Wiesbaden, 1945: Im nur wenig zerstörten Landesmuseum werden beschlagnahmte Kulturgüter aus ganz Deutschland zwischengelagert. Der Kunstschutzoffizier Walter I. Farmer war damals einer der Monuments Men von Wiesbaden - und er hatte tatsächlich das Zeug zum Helden.

Alles dreht sich um George Clooney in dem Film, der auch von ihm produziert wurde und für den er das Drehbuch geliefert hat. Foto: dpa

Der Steinsaal mit der hohen Decke und dem Säulengang, gleich rechts neben dem Eingang des Museums, hat sich kaum verändert. Hier lagerten die Schätze, Dürer, Rembrandt, Renoir, Botticelli, das Kostbarste aus Deutschen Museen, dem Kölner Wallraf-Richartz-Museum, dem Frankfurter Städel, der Kunsthalle Kassel und aus Berliner Sammlungen.

Es war der Sommer 1945, das Museum war für damalige Verhältnisse wenig zerstört. Zwar waren Heizung, Wasser und Elektrizität ausgefallen, die Fenster zerbrochen. Doch das Haus, das während des Krieges als Verwaltungssitz und Waffenwerkstatt der deutschen Luftwaffe diente, war immerhin funktionstüchtig. „Alliierte Bombenangriffe auf dieses Hauptquartier der Luftwaffe hatten die Gegend um Wiesbaden getroffen, aber wie durch ein Wunder war das Landesmuseum verschont geblieben“, schreibt der erste Direktor des Central Collecting Points, Walter I. Farmer, in seiner Autobiografie.

Farmer war einer der Monuments Men, und er hatte tatsächlich das Zeug zum Helden, sagt Tanja Bernsau. Sie kennt sich aus mit den wahren Vorbildern des Kinofilms, mit den Clooneys von Wiesbaden, die sich um den Wiederaufbau der deutschen Museumslandschaft verdient gemacht haben. Seit 2007 hat die Wissenschaftlerin zur bisher wenig beachteten Geschichte der Kunstretter in Wiesbaden geforscht, hat eine Doktorarbeit geschrieben, für die sich, Clooney sei Dank, plötzlich fast die ganze Welt interessiert.

Tanja Bernsau mag George Clooney, seit Jahren schon. Doch auf seinen neuen Film freut sie sich besonders. Er hat den Soldaten, die als Kunstschutzoffiziere das kulturelle Erbe Europas retten sollten, ein Denkmal gesetzt. Auch wenn die Sichtweise sehr amerikanisch sei: „Aber der Film rückt das Thema ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit“, sagt sie. Als sie von dem Projekt Clooneys erfuhr, war sie zum Glück schon weit. „Ich habe mich dann sehr beeilt.“ Vergangenes Jahr ist sie fertig geworden.

Die Nähe zu Frankfurt mag mit ausschlaggebend gewesen sein, warum die Schätze nach Wiesbaden kamen. Die kostbarsten, die aus Berliner Museen stammten, waren zuvor in Frankfurt zwischengelagert. Die Amerikaner hatten sie in einem Bergwerksstollen im thüringischen Merkers aufgestöbert, zusammen mit Gold- und Devisenbeständen, die nach Frankfurt gebracht wurden. Nicht alle Bilder, die in Wiesbaden eintrafen, waren in gutem Zustand, einige wiesen Salzablagerungen auf, waren verschmutzt, hatten Löcher oder Risse. Doch angesichts der Flut hatte das kleine Team, zu dem auch deutsche entnazifizierte Museumsmitarbeiter gehörten, keine Zeit für Restaurierungen, sondern nur für notdürftige Arbeiten, die weiteren Verfall verhindern sollten.

55 Lastwagen voller Kunstkisten

Zeitweise bis zu 700.000 Kunstwerke sollen in Wiesbaden zusammengetragen worden sein, eine Zahl, auf die sich die Historikerin nicht festlegen mag. „Es waren unvorstellbar viele“, sagt sie. 55 Lastwagen voller Kunstkisten sollen allein im August 1945 angekommen sein, bis 1946 die Menge von 60 Schiffsladungen. „Es gab ständig An- und Auslieferungen.“

Neben dem Kulturgüterschutz gehörte die Rückgabe geraubter Kunstwerke zu den Hauptaufgaben. Rose Valland etwa, die im Film von Cate Blanchett gespielt wird, gab es wirklich. Die Kuratorin, die im besetzten Paris geheime Listen über von Nationalsozialisten geraubte Kunstwerke geführt hatte, war auch in Wiesbaden, um Gemälde zurückzuholen, sagt Bernsau. Neben der Restitution sollten vom Collecting Point auch Impulse für den Wiederaufbau der Museumslandschaft ausgehen.

Schon 1946 organisierte Kunstschutzoffizier Farmer die erste Schau mit alten Meistern, bei der auch die Nofretete zu sehen war. Die betörend schöne Statue aus dem Ägyptischen Museum in Berlin versetzte die Kunstschützer in ehrfürchtiges Staunen, so ist es in ihren Erinnerungen überliefert. Für Sergeant Kenneth Lindsay beispielsweise war ihr erster Anblick der Höhepunkt seiner Tätigkeit in Wiesbaden. Er war es, der die Büste nach ihrer Anlieferung aus einer unscheinbaren Kiste holte. „Welch eine Frau. Sie ist so elegant“, schrieb er später.

Nofretete war der Star. „Sie wurde bei jeder Ausstellung gezeigt, auch wenn es thematisch nicht immer passte“, sagt Bernsau. Allein zur ersten Schau strömten 63.000 Menschen, zehn Schauen wurden bis 1949 aus den umfangreichen Beständen der Sammelstelle zusammengestellt, die alle trotz der widrigen Bedingungen der Nachkriegsjahre als Publikumsmagneten galten. „Die Leute waren ausgehungert nach Kunst“, sagt Bernsau.

Farmer bewahrt 200 Gemälde vor Verschleppung

Über ihren militärischen Auftrag hinaus waren speziell die Wiesbadener Monuments Men ganz besondere Retter. Denn am 6. November 1945 traf ein Befehl aus Washington ein, der die sofortige Versendung von 200 Gemälden in die USA anordnete. Angeblich, um sie dort unter besseren Bedingungen zu lagern. Direktor Farmer war am Boden zerstört. Er fürchtete, dass die Gemälde auf Holz und Leinwand bei der Verschiffung über den Atlantik Schaden nehmen würden. Der Verdacht lag nahe, dass sie nie wieder zurückkehren würden.

Farmer alarmierte seine 35 in der amerikanischen Zone tätigen Kollegen. Am Tag darauf, so steht es in seinen Erinnerungen, versammelten sie sich in Wiesbaden, im Direktionszimmer, das in der alten Bibliothek des Museums eingerichtet war. Ob die zeitliche Abfolge stimmt, sagt Bernsau, sei durch ihre Forschungen nicht ganz gedeckt. Fest steht, dass 32 Monuments Men eine Protestnote gegen die Verschleppung der Kunstwerke unterschrieben, die als Wiesbadener Manifest in die Geschichte einging.

Zwar kam das Dokument nie offiziell in Washington an, sagt Bernsau. Ein wohlmeinender Vorgesetzter hatte es wohl zurückgehalten, weil den Unterzeichnern sonst ein Kriegsgericht wegen Befehlsverweigerung gedroht hätte. Doch das Papier wurde auf inoffiziellen Kanälen bekannt, in amerikanischen Medien veröffentlicht und setzte eine monatelange Diskussion in Gang. Amerikanische Kunstexperten forderten von US-Präsident Truman in einer Resolution die Rückgabe der Bilder, Vergleiche zum Kunstraub der Nazis wurden laut und so kamen die Schätze nach ihrer Ausstellungstournee wieder nach Deutschland zurück.

„Das ist Stoff für mehr als einen Kunstkrimi“, sagt Tanja Bernsau, die bei ihren Forschungen auf viele spannende Geschichten gestoßen ist. Sie hat im Hessischen Staatsarchiv gesucht, mehr als hundert Rollen Mikrofilm mit teils unveröffentlichten Quellen aus amerikanischen Archiven digitalisiert und durchforstet, Biografien und Berichte der Monuments Men studiert. Dabei stieß sie auf Fakten, aber auch Legenden, persönliche Schicksale, Liebesgeschichten.

Die Rückgabe der Werke, Zusammenhänge mit der Gurlitt-Sammlung, die ebenfalls in Wiesbaden lagerte – „es gibt noch sehr viel Forschungsbedarf“, sagt sie. Ihr nächstes Projekt ist eine populärwissenschaftliche Dokumentation über den Collecting Point. Dann will sie weiter forschen. Rätsel gibt es noch genug, sagt die Wissenschaftlerin: „Das ist eigentlich eine Lebensaufgabe.“

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