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Eine Stadt steht kopf

Wiesbaden und andere Kommunen rüsten sich für Katastrophen

01.11.2012 23:43
Gesa Fritz

Wir schreiben das Jahr 2013. Es ist ein ungewöhnlich schneereicher Winter. In Wiesbaden sind allein in der Nacht zum 23. Januar 50 Zentimeter Neuschnee gefallen. Doch an diesem Vormittag schlägt das Wetter um: Es wird wärmer und auf die weiße Pracht geht schwerer, nasser Schneeregen nieder.

Gegen 15 Uhr fällt in der gesamten Stadt der Strom aus. Unter den Schneelasten sind zahlreiche Bäume und Masten umgeknickt. Gekappt sind auch jene drei Hauptstromleitungen, die Wiesbaden mit der Außenwelt verbinden. Mit dem einsetzende Berufsverkehr kommt es innerhalb kürzester Zeit zum Verkehrschaos. Auf den Straßen ist bald kein Durchkommen mehr. Nicht für die Räumfahrzeuge. Aber auch nicht für Polizei, Feuerwehr und Krankenwagen.

Auch wenn das hier für Wiesbaden beschriebene Szenario reine Fiktion ist – im Münsterland fiel nach einem Unwetter im Winter 2005 flächendeckend der Strom aus. Auch nach vier Tagen waren einige Orte noch vom Netz abgeschnitten.

Für solche Fälle versucht sich Hessen zu wappnen. Es gibt einheitliche Richtlinien für die fünf kreisfreien Städte. Die unteren Katastrophenschutzbehörden in Frankfurt, Offenbach, Kassel, Wiesbaden und Darmstadt sind gleich aufgebaut, ausgerüstet und agieren nach den gleichen Handlungsplänen.

Die Wiesbadener Stelle hat ihren Sitz in der Feuerwache II im Stadtteil Mainz-Kastel. Ihr sind zwölf speziell ausgebildete Mitarbeiter fest zugeordnet. Im Ernstfall übernehmen sie die Regie über andere Spezialeinheiten.

Als mit Einbruch der Nacht der Strom noch immer nicht wieder fließt, häufen sich die Anrufe in den Notrufzentralen – noch funktionieren die Akkus der Handys: Zahlreiche Pendler sitzen weiterhin in ihren Autos fest, ihnen geht inzwischen der Sprit aus. Einbrecher nutzen den Ausfall von Alarmanlagen. Lebenserhaltende Beatmungsgeräte von Asthmatikern in Privathaushalten versagen ihren Dienst. Das Desaster trifft nicht nur Wiesbaden. Das gesamte Rhein-Main-Gebiet ist von dem Unwetter lahmgelegt worden.

Im Keller der Feuerwache II stehen ständig eigene Räume für den Krisenstab bereit. Hier können die Führungskräfte von Polizei, Gesundheitsamt, Technischem Hilfswerk aber auch der Oberbürgermeister im Katastrophenfall über das Vorgehen beraten. Im Halbrund sind die Tische angeordnet, versehen mit Telefonen, die auch bei Stromausfall funktionieren. An der Wand hängen Karten. Bei Bedarf werden in Videokonferenzen das Innenministerium oder die Landesregierung zugeschaltet.

Für das Stabszentrum, aus dem im Ernstfall die Geschicke der Bürger gelenkt werden, steht ein Notstromaggregat bereit. Es kann rund um die Uhr arbeiten – so viele Tage, wie eben nötig. Anders als die Notstromaggregate in Krankenhäusern, die irgendwann den Dienst aufgeben.

Im Januar 2013 wird die Situation auch für jene Bürger, die gesund in ihren Wohnungen sind, zunehmend ungemütlicher: In der Nacht fallen die Außentemperaturen erneut weit unter den Gefrierpunkt. Wieder setzt starker Schneefall ein. In den Häusern wird es ohne Heizungen bitterkalt. Und dunkel. Findige Bürger, die sich noch schnell vor Ladenschluss in den Supermärkten mit Kerzen und Taschenlampen-Batterien ausrüsten wollten, scheitern an elektrisch betriebenen Türen und Kassen.

In der Feuerwache II stapelt sich in Regallagern der Bedarf für den Ernstfall – rund sieben Meter hoch bis unter die Decke. Pläne zeigen an, in welchen Bürgerhäusern und Sporthallen Notquartiere eingerichtet werden können. Feldbetten, Matratzen, Wolldecken, Kopfkissen und Notstromaggregate liegen bereit, um auf die Einsatzfahrzeuge geladen zu werden. Ebenso Metallkisten mit Verbandsmaterial oder Medikamenten – und Geräte zur Wasseraufbereitung.

Mit dem Stromausfall haben auch Wasserpumpen und Kläranlagen der Stadt ihren Dienst aufgegeben. Die Frischwasserzufuhr ist unterbrochen. Und die Fäkalien verbleiben in den Toiletten. Nicht nur die Telefone versagen. Auch Fernseher und Radio liefern keine Informationen mehr.

Diese Lücken sollen mit Lautsprechern ausgerüstete Motorräder des Katastrophenschutzes ausfüllen, die auch durch verstopfte Straßen kommen. So soll den Bürgern mitgeteilt werden, welche Sporthallen sie aufnehmen können oder wohin Ärzte und Sanitäter entsandt werden.

Auch am Tag zwei nach dem Stromausfall schneit es weiter. Inzwischen macht sich ein weiteres Problem bemerkbar: Nur wenige Menschen haben größere Nahrungsvorräte.

Das Mittel des Krisenstabes in diesem Fall: In Supermärkten werden Lebensmittel beschlagnahmt. Mit diesen kann in den Bürgerhäusern und Sporthallen dann gekocht werden. Hilfsbedürftig sind vor allem ältere und kranke Menschen sowie Familien mit Säuglingen und Kleinkindern. Allerdings existieren keine Pläne, wo diese leben.

An jenem Januartag brechen immer wieder Feuer in der Stadt aus. Zahlreiche Bürger versuchen, ihre Wohnungen mit dem Grill oder mit aus Töpfen improvisierten Feuerstellen zu beheizen und verlieren dann die Kontrolle über sie. Das Durchkommen durch die mit Autos zugestellten Straßen ist für die Löschzüge der Feuerwehr fast unmöglich geworden.

Auch solche Entscheidungen liegen in der Hand des Katastrophenschutzes: Wo kann und soll noch gerettet werden. Welches Gebäude, welcher Stadtteil wird als unrettbar aufgegeben.

Endlich, am dritten Tag schlägt das Wetter um. Die Temperaturen steigen, Tauwetter setzt ein. Um die Mittagszeit ist die erste zentrale Stromleitung repariert. In den Häusern gehen Lichter an, die Heizungen laufen auf Hochtouren.

Im Münsterland wurden an Familien, deren Kinder neun Monate nach dem Stromausfall 2005 geboren wurden, einmalig 300 Euro vom Stromversorger ausbezahlt.

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