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CSD Wiesbaden 2013 Buntes, offenes Wiesbaden

Wiesbaden feiert 2013 den Christopher Street Day zum zweiten Mal. Es ist jedoch die erste Parade quer durch die Innenstadt seit 1982. Der Verein Warmes Wiesbaden sieht die Parade als Erfolg.

Der CSD in Wiesbaden zog mit mehreren hundert Teilnehmenden durch die City. Foto: Michael Schick

Werner Fischer ist Bi. Er steht auf Männer und Frauen. Und damit das auch jeder sieht, hält der Mann mit der Schiebermütze und dem kleinen Ziegenbart neben dem Staatstheater eine Fahne in Pink, Lila und Blau in die Luft: die Farben der Bisexuellen. Sowieso hat sich Wiesbaden an diesem heißen Samstag ein buntes Gewand umgelegt: Im zweiten Jahr in Folge wurde hier der Christopher Street Day (CSD) begangen – zum ersten Mal seit 1982 mit eigener Parade. Laut dem veranstaltenden Verein Warmes Wiesbaden haben bis zu 500 Menschen daran teilgenommen. „Ein überwältigender Erfolg“, wie die Vereinsvorsitzende und Mitorganisatorin Mascha Holly mit strahlendem Lächeln betonte.

Über vierzig Jahre nach den ersten Demonstrationen in der New Yorker Christopher Street haben Homo-, Bi- und Transsexuelle noch immer nicht die gleichen Rechte wie Heterosexuelle. So können sie beispielweise in Deutschland nicht heiraten oder gemeinschaftlich Kinder adoptieren. Auch deshalb sprießen derzeit bundesweit neue CSD-Paraden aus dem Boden. In Darmstadt findet 2013 zum zweiten Mal ein Umzug statt, in Mainz plant man, einen einzuführen.

Es geht um Akzeptanz

Doch beim CSD geht es nicht nur um Rechte, sondern auch um fehlende Akzeptanz. Werner Fischer könnte ein Lied davon singen. „Es gibt wenige Bisexuelle, die sich mit ihrer sexuellen Orientierung an die Öffentlichkeit trauen“, erzählt der Mainzer, der seit 15 Jahren einen Stammtisch für Bisexuelle organisiert. Selbst in der Szene meinten viele, dass man sich als Bisexueller in einer Art „Zwischenstation“ befände. Doch für Fischer ist Bisexualität keine Zwischenstation – sondern Lebensrealität. Deshalb die lilafarbene Fahne. Sie ist Fischers einzige Begleitung in Wiesbaden.

Auch Cristian Claus ist Bi und auch er wartet am Samstagmittag im Schatten der Bäume am Warmen Damm darauf, dass die Parade losgeht. Er ist vor allem aus politischen Gründen gekommen: „Es gibt Länder, in denen steht auf Homosexualität noch die Todesstrafe“, mahnt der Mainzer. Trotzdem will er später noch im Schlachthof feiern. Und sich „alles mal anschauen“.

Zum Anschauen gibt es Einiges bei Wiesbadens CSD-Parade. Da wäre etwa Lucy Tramp. Eine Kombination aus Körpergröße und Stilettos sorgt dafür, dass die Mannheimerin im knallgelben Gewand die Blicke der Wochenend-Flaneure – und deren Handykameras – auf sich zieht wie ein Magnet. Ein Obstkorb auf dem Kopf tut sein Übriges. Darauf angesprochen, lächelt Lucy nur sanft. Es ist heiß – und der Weg zum Kulturpark noch weit.

„Es ist schade, dass nicht so viele Leute hier sind“, befindet eine Paradeteilnehmerin auf Höhe der Bahnhofstraße. Die Bürgersteige dort sind menschenleer. Ähnlich sieht das ein junger Mann, der mit einigen Freunden extra aus der Rhein-Neckar-Region gekommen ist, um den „noch jungen Wiesbadener CSD“ zu unterstützen. „Das ist echt Spießbaden hier. Die Leute gucken sich das alles an, wollen im Grunde aber nichts damit zu tun haben“, sagt er. So hätte am Mauritiusplatz ein Mann die Annahme eines Flyers mit der Begründung verweigert, dass er ja schon seinen Samstagsbummel für den Umzug hätte unterbrechen  müssen. Ein ernüchternder Moment.

„Ein sehr politischer Umzug“

Ganz anders sieht das Manuel Wüst, der im orangefarbenen Piratenpartei-Shirt am Umzug teilnimmt. „Für kein anderes Thema sind in Wiesbaden in letzter Zeit so viele Leute auf die Straße gegangen“, sagt er. Zudem sei der Umzug „sehr politisch“. Der Beweis folgt Wüst auf vier Rädern. Mit einem mit Transparenten bestückten Bollerwagen werben zwei Frauen für die Akzeptanz von Regenbogenfamilien. Ein Mädchen drückt Gleichaltrigen am Straßenrand Gummibärchen in die Hand. Schüchtern lächelnd freuen sie sich drüber.

Die Paradeteilnehmerin Jody Köhler freut sich auch. Und zwar darüber, dass Wiesbaden endlich eine Parade hat: „Das zeigt ja auch, dass man nicht alleine ist“, so Köhler. Sie erzählt vom Coming-Out ihrer Schwester in den Neunzigern – und davon, wie schwierig das war.

Zumindest ein Mensch war anscheinend jedoch auch 2013 noch nicht für den CSD bereit: Ein Mann hatte im Vorfeld  beim Verwaltungsgericht Klage dagegen eingereicht, dass die Regenbogenfahne am Rathaus gehisst wird. Er sah das Neutralitätsgebot der Stadt nicht gewährleistet. Doch die Klage wurde abgewiesen – die Fahne konnte am Samstag fröhlich flattern.

Oberbürgermeister Sven Gerich (SPD), der aus terminlichen Gründen nicht an der Parade teilnehmen konnte, erwähnte besagten Herrn beim anschließenden Sommerfest im Kulturpark. Die rege Teilnahme am Umzug zeige dem Kläger, „dass er einfach nicht ganz richtig tickt“, so Gerich, der anschließend mit seinem Parteikollegen Simon Rottloff am „Sportler gegen Stigma“-Volleyballturnier teilnahm.

Klare Worte waren auch bei der Podiumsdiskussion im Kulturpark zu hören. Auf die Frage, ob denn konservative Politiker wie Erika Steinbach (CDU) zu mehr Akzeptanz zu bewegen seien, entgegnete Rainer Zuber vom Landesverband der Schwulen und Lesben in der Union, dass man ebenso versuchen könne, „einen Schäferhund zum Vegetarier zu machen“. Persönlichkeiten wie Steinbach seien „aus der Zeit gefallen“. Nicht anwesend war während des CSD übrigens  Schirmherrin Kristina Schröder (CDU). Wegen ihres Geburtstages. „Ich kann das schon verstehen“, kommentierte Stand-Up-Comedienne Anika Hoffmann diesen Umstand: „Man muss eben Prioritäten setzen!“

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