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Bildhauer Spemann "Im Stern ist das Unbenennbare"

Der Bildhauer Wolf Spemann über seine Weihnachtskrippe für die Marktkirche

26.11.2011 21:30
Wolf Spemann (80) stammt aus Frankfurt, wo er als Professor an der Uni lehrte. Er lebt in Wiesbaden. Foto: Dimpl

Seit 30 Jahren steht in der Marktkirche die Weihnachtskrippe des Wiesbadener Künstlers Wolf Spemann, der sein Werk erläutert.

Professor Spemann, als Sie damals die Weihnachtskrippe schufen, von welchem Gedanken haben Sie sich dabei leiten lassen?Mir war es wichtig, stilistisch einen großen Abstand zu der übrigen Szenerie in der Marktkirche zu erreichen. Das Formgefühl der Mitte des 19. Jahrhunderts liegt zu weit von unserem Denken und Empfinden heute entfernt. Ich wollte mich nicht dem historistischen Stil unterwerfen, das hätte meinem Naturell widerstrebt. Da gab es nur die Möglichkeit, einen Kontrapunkt zu setzen. Alles andere wäre unehrlich gewesen.

Wählten Sie deshalb auch für die Krippe diese Muschelform?Die Gemeinde wünschte sich eine Krippe mit Hirten, Schafen, Ochs und Esel, die auch Kinder begreifen und anfassen können. Zunächst hatten die Auftraggeber an viele Einzelfiguren gedacht, die jedes Jahr neu arrangiert würden. Somit hätte ich das Raumgefüge nicht mehr beeinflussen können. Also entschied ich mich für ein Hochrelief, das sich aus einer Schale entwickelt. Ich wollte, dass es wie eine schützende Hand dahinter wirkt. Und in der Mitte der Hand liegt die Szene mit Mutter und Kind, wie eine Perle in der Muschel.

Dürfen Kinder die Krippe denn anfassen?Den unteren Teil der Krippe habe ich deshalb extra mit sehr runden Formen gestaltet, wo auch nichts abbrechen kann.

Ungewöhnlich ist ja der Stern mit Flügeln.Der Stern ist etwas ungewöhnlich, das gebe ich zu. Aber eine Krippe heutzutage überzeugend zu gestalten, ist nicht einfach. Da muss man auch einmal den Mut haben, etwas Ungewöhnliches zu machen. Mit dem Stern gehe ich zum einen auf die himmlischen Heerscharen ein, die ich nicht als hundert Engelchen darstellen wollte. Diese sechs Flügel tauchen in der Bibel mehrfach auf. Im Buch Jesaja ist zum Beispiel im Kapitel sechs die Rede von Seraphim, ,ein jeglicher hatte sechs Flügel‘.

Der Stern hat eine Öffnung. Was hat es damit auf sich?Der Betrachter mag darin zunächst ein Auge erkennen. Aber wenn man etwas länger darüber nachdenkt, erkennt man, dass man ins Dunkle, ins Leere schaut. Es gibt eine chinesische Weisheit, die lautet: ,Das Wesen des Topfes ist die Leere‘. Das heißt, die Leere ist das Entscheidende. Und die Leere ist der Inhalt, wo wir unsere Gedanken praktisch hineingeben können. In dem Stern ist zum anderen auch das Unbenennbare beschrieben.

Wie lange haben Sie an der Krippe gearbeitet?Die ersten Vorarbeiten habe ich im Herbst 1981 gemacht. Pfarrer Erich Dorn kam eines Tages mit der Bitte, ich möchte einen Entwurf für eine Krippe machen. Wir kannten uns durch einen Wettbewerb und hatten schon mehrere Sachen erarbeitet. Den Auftrag erhielt ich d1982. Mein ehemaliger Schüler Gabriele Renzullo half mir dabei, er übernahm die groben Arbeiten. Die Feinarbeiten habe ich dann natürlich selbst gemacht.

Was war bei der Arbeit an der Krippe am kniffligsten?Der Kirchenvorstand wollte, dass ich die Gesichter darstelle. Wenn ich aber bei den Nasen oder Ohren ins Detail gehe, muss ich das konsequenterweise auch bei den Händen und Füßen. Es wirkt dann aber wenig überzeugend, wenn ich bei den Kleidern keinen Faltenwurf mache. Ich hätte also eine viel detailliertere Formensprache wählen müssen, als ich wollte. Die Lösung war, überall dort, wo eine Detailarbeit notwendig gewesen wäre, mit ganz feinen Linien zu arbeiten. So sieht man aus der Nähe den Ausdruck der Gesichter oder die Hände, aber aus der Entfernung sind es trotzdem große runde Formen.

Das Interview führte Mirjam Ulrich

Krippenführung mit Wolf Spemann, Donnerstag, 1. Dezember, ab 12 Uhr in der Marktkirche am Schlossplatz

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