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Biennale in Wiesbaden „Die Kunstaktion ist noch nicht beendet“

Die Biennale-Kuratoren sprechen im Interview über die Freiheit der Kunst, Gedankengut der Rechten und die goldene Erdogan-Statue.

Goldene Erdogan-Statue
Geschmäht, gelobt und umstritten: Die Erdogan-Statue ist die berühmteste Aktion der Biennale. Foto: Renate Hoyer

Maria Magdalena Ludewig ist eine der beiden Kuratoren der Biennale 2018. Martin Hammer, ebenfalls Kurator, gründete mit Ludewig 2008 das Produktionslabel Universal.

Frau Ludewig, die Biennale ist zu Ende, und die Kunst ist nun weg. Die Internetzeitung „Sensor“ will den Namen des Künstlers der Erdogan-Statue ausfindig gemacht haben. Es soll sich um den Schweizer Aktionskünstler Christoph Büchel handeln, der mit einer Grenzmauer zwischen den USA und Mexiko bekannt wurde und der auf der Biennale in Venedig eine Kirche zur Moschee umfunktionierte. Braucht er jetzt Personenschutz?
Ludewig: Ich beteilige mich nicht an diesen Spekulationen. Die Kunst ist nicht die Statue, sondern all das, was in Bezug auf sie passiert.

Wie bewerten Sie den Konflikt um die Statue?
Ludewig: Dass ein Festival, das in Zeiten politischer Unsicherheit nach der Stabilität der westlichen Demokratien fragt, aufreibend ist, war uns bewusst. Zeitgenössische Kunst muss nach ästhetischen Antworten auf unsere Gegenwart suchen, in aller Radikalität. Es kam zu beunruhigenden Reaktionen; diese Auseinandersetzungen haben die Stadt und unser Publikum stark herausgefordert. Das zeigt, wie stark und wichtig Kunst und ihre Freiheit heute sind.

Das wird von vielen anders gesehen, als Spiel mit dem Feuer.
Hammer: Wir erhielten ebenso viele positive Rückmeldungen und Zuspruch. Das ist auf jeden Fall ambivalent. Und ich bin zwischendurch immer wieder positiv erstaunt und überrascht worden über die Auseinandersetzungen um die Statue. Die Schüler/innen der Elly-Heuss-Schule schauten sich in den Pausen die Auseinandersetzungen darüber an; die Statue wurde Unterrichtsthema.

Am Samstagabend hat die Künstlergruppe Frankfurter Hauptschule das Rätsel um einen vermeintlich rechtsradikalen Angriff auf den Container des Migrantenstadls gelöst: Sie selbst sei verantwortlich für diese Aktion, teilte sie mit. Was soll das bedeuten?
Ludewig: Es geht um die Verwechselbarkeit und Unlesbarkeit der Zeichen. Dass man rechten Identitären Gruppen Aktionskunst nach dem Vorbild des Künstlers Christoph Schlingensief zutraut, ist verwirrend und erschreckend. Die Frankfurter Hauptschule wiederum hat die Mechanismen der Identitären übernommen, mit Pressemitteilung und Film auf Youtube, und sich ihrer Mittel bedient. Die Zeichen und Zuordnungen verschwimmen. Rechtes Gedankengut kann in jeder Form auftreten und auch aussehen wie ein charmant verspieltes Frankfurter Künstlerkollektiv. Im Umkehrschluss heißt das: Wenn es möglich ist, dass wir den Identitären zutrauen, sich in einem Kunstdiskurs zu bewegen, sind sie dann nicht längst viel tiefer ein Teil unserer Gesellschaft, als wir wahrhaben wollen?

Wo fängt die Lüge an und hört Kunst auf? Die Gruppe hat sich als jemand anderes ausgegeben.
Hammer: Auf dieser Biennale wurde mit harten Bandagen gekämpft, die Grenzen wurden bewusst ausgelotet. Wir möchten ästhetische Antworten finden auf unsere Gegenwart. Die Biennale erzeugte eine temporäre Verunsicherung im Stadtbild, die Debatten über städtischen Wandel, Migration und den politischen Status quo auf die Straßen trug.

Wie geht es mit dem goldenen Erdogan weiter?
Hammer: So lange über sie gesprochen wird, ist die Kunstaktion noch nicht beendet. Wir haben jetzt die interessante Situation, dass wir eine dreimonatige Genehmigung für das Aufstellen der Statue haben, sie aber von der Stadt abgebaut wurde. Da sind viele Fragen zu klären, und das Ende ist offen.

Jetzt erst mal ausschlafen?
Ludewig: Heute morgen wurde ich von einem Mitarbeiter des Tiefbauamts geweckt, der meinte, da gebe es ein Problem mit einem goldenen Objekt im Stadtraum. Die Stadt könne dies nicht aushalten. Er meinte einen gold gesprühten Stromkasten auf einer Verkehrsinsel. Aber dieser Störfaktor lässt sich zur Not ja mit etwas grauer Farbe schnell beseitigen.

Interview: Madeleine Reckmann

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