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Biennale in Wiesbaden Der Fall des goldenen Erdogan

Wiesbaden lässt die umstrittene Statue des türkischen Staatspräsidenten Erdogan aus Furcht vor Ausschreitungen abräumen. Wo sich das Kunstwerk jetzt befindet, will OB Sven Gerich nicht sagen.

Aus für Erdogan-Statue
Die Polizei räumt in der Nacht den Platz, damit die Feuerwehr die Statue abbauen kann. Foto: Sebastian Stenzel/dpa

Am Ende waren es Unruhen in der Bevölkerung und angekündigte Proteste der Kurden, die Erdogan zu Fall brachten. Aus Sorge um die öffentliche Sicherheit hat die Landeshauptstadt am Dienstagabend entschieden, die Statue, die den türkischen Staatspräsidenten Erdogan darstellt, noch in der Nacht abbauen zu lassen. Anlass für den Beschluss waren Informationen der Landespolizei, in den sozialen Netzwerken würden Kurden und andere Gruppen überregional zu Protestaktionen in Wiesbaden aufrufen, sagte Oberbürgermeister Sven Gerich (SPD) auf Anfrage. 

Vor der Statue spielten sich am Dienstagabend tumultartige Szenen ab. Rund hundert aufgebrachte Menschen schrien sich gegenseitig in türkischer Sprache an, die Stimmung war aggressiv, es kam zu Rangeleien. Eier und Äpfel seien geflogen, berichtet eine Sprecherin der Landeshauptstadt. Gerüchte, Stichwaffen könnten in Umlauf sein, machten die Runde. Die Polizei, die wiederholt einschritt, fand jedoch keine. Die Polizei war mit 100 Einsatzkräften auf dem Platz. Um der Berufsfeuerwehr Wiesbaden den Abbau der Statue zu ermöglichen, habe der Platz geräumt werden müssen, heißt es in der Polizeimeldung. 

Das Standbild war in der Nacht zum Dienstag im Rahmen der Biennale 2018 als Kunstwerk auf dem Platz der deutschen Einheit aufgestellt worden. Trotz der Aufregungen hatte der Magistrat es aus Gründen der Kunstfreiheit zunächst stehen lassen. Die goldfarben angestrichene Betonstatue ist das Geschenk eines Schweizers Künstlers, der unbekannt bleiben möchte, an die Biennale. Nach nur einem Tag im öffentlichen Raum brachte die Feuerwehr sie an einen unbekannten Ort. Wo dies ist, möchte der OB wegen der Furcht vor weiteren Tumulten nicht bekannt geben. „Der Eigentümer kann sie gerne abholen“, sagt er. 

„Es ist ein schmaler Grat, zwischen Kunstfreiheit und Sicherheit zu entscheiden“, erklärt Gerich der FR. Kunstfreiheit sei zwar „ein hohes und schützenswertes Gut“, er und der für die Sicherheit zuständige Bürgermeister Oliver Franz (CDU) hielten es jedoch für „unverhältnismäßig, eine Kunstinstallation Tag und Nacht mit einem massiven Polizeiaufgebot schützen zu müssen, um die öffentliche Sicherheit und Ordnung aufrechtzuerhalten“. 

Dies sieht Biennale-Kuratorin Maria Magdalena Ludewig entschieden anders. Sie akzeptiert zwar das Argument, dass Sicherheit vorgehe. Aber „der politischen Raum vor der Erdogan-Statue, in dem wertvolle Debatten ausgetragen wurden, ist mit dem gleichen Polizeieinsatz schützenswert  wie ein Fußballspiel oder den Besuch eines Staatspräsidenten“, sagt sie der FR. Sie schätzt zudem die Sicherheitslage auf dem Platz am Dienstagabend als weniger aggressiv ein. Es habe hitzige Diskussionen gegeben, aber keine Gewalt. Sie sei überrascht gewesen, als die Nachricht kam, die Statue werde abgebaut. 

Dass die Aktion kontroverse Debatten auslösen würde, war von den Kuratoren erwünscht. Nicht nur Bürger fühlten sich provoziert. Der türkische Generalkonsul meldete sich beim Oberbürgermeister. Über den Inhalt des Gesprächs gibt das Rathaus keine Auskunft. Auf der Homepage des türkischen Generalkonsulats wurde jedoch das Entfernen der Statue gefordert. In den Netzwerken wird die Aktion heiß diskutiert. Die einen können den künstlerischen Inhalt nicht erkennen; den anderen gefällt es nicht, Türken so zu provozieren. „Staatspräsident Erdogan schafft gerade Demokratie und Menschenrechte in der Türkei ab. Zigtausende sitzen ohne Prozess in Gefängnissen. Dieser Mann gehört nicht auf einen Sockel, und schon gar nicht in Gold“, teilt die hessische Europaministerin Lucia Puttrich (CDU) mit. 

Die Karikaturisten Achim Greser und Heribert Lenz begrüßen dagegen die Kunstaktion. „Wir unterstützen alles, was diesen größenwahnsinnigen Führer und Despoten vorführt. Egal ob in subtil künstlerischer oder direkter politischer Form – das kann man nur gutheißen“, sagt Greser der Deutschen Presse-Agentur. Greser und Lenz mussten 2015 eine Karikaturen-Schau in Hanau aus Furcht vor islamistischem Terror von der Polizei bewachen lassen.

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