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Wetterau So lange ist das gar nicht vorbei

75 Autoren beschreiben in einem Buch ihre 70er Jahre in der Wetterau und im Vogelsberg - und schaffen dabei eine sehr persönliche Chronik

Karin Bach
Modisch auf Höhe der Zeit: Karin Bach aus Nidda. Foto: privat

Bunt war die Zeit, und alles schien machbarer zu sein, die 70er Jahre. Oder ist das nur Erinnerung und Hören-Sagen? Wie das Leben in den Siebzigern war, lässt sich nun als Zeitzeugenbericht lesen. In der Reihe „Kindheit und Jugend“ hat die OVAG, deren Tagesgeschäft eigentlich im Verkauf von Strom und Wasser besteht, ein Buch über das Jahrzehnt herausgebracht, dessen Pril-Blumen als Ableger der Pop-Art noch heute an Küchenkacheln kleben.

Mehr 70 Autoren meldeten sich auf den Aufruf der OVAG vor knapp einem Jahr, darunter weit- und vielleicht nur ortsbekannte Personen. Herausgekommen ist ein abwechslungsreiches Buch mit Einblicken etwa in die Privatsphäre einer Bäckersfrau und ihres mit den Bee Gees hadernden Gatten, aber auch zu Weltereignissen und ihre Wirkung auf die Menschen in der Wetterau und im Vogelsberg, belegt mit vielen Bildern aus privaten Fotoalben.

Geostrategisch lag das Gebiet in dieser Zeit ziemlich nahe beim - wie der Westen - hochgerüsteten Gegner, genauer an der Zonengrenze. Die Fahrt von Ort zu Ort ging anders als heute mit PS-schwachen Autos über schmale Landstraßen. Dass deswegen das gesellschaftliche Leben zumeist aus Tanz am Samstagabend im Festsaal der Dorf- oder Kleinstadtkneipe bestand, wird von den Autoren widerlegt, etwa vom berufsmäßigen Diskothekengänger Gerd Laiacker, der Zeitungen mit Fotos beispielsweise aus dem Friedberger „Central Studio“ und Assenheimer „Macabre“ versorgte, wo Hitparadengrößen wie Marianne Rosenberg, das Trio Silver Convention oder der US-Soulkönig Georg McCrae auftraten.

Die Schreiber erzählen vom Erwachsenwerden, vom ersten Job, dem ersten Urlaub mit Freunden, über die erste Liebe, die Hochzeit und das Familienleben. Die einstige FR-Redakteurin Corinna Willführ schreibt über ihre Ausbildung als Krankenpflegegehilfin und dem Tanz mit dem Chefarzt als „kitzekleinem Racheakt“. Die Bad Nauheimer freie Journalistin Susann Barczikowski berichtet über ihr „Give me five“-Missverständnisse, der aus der gleichen Stadt stammende Schriftsteller Andreas Maier erzählt Klischee über Männer in gleichen Anzügen und gleichem Hut.

Das Buch will nicht nur eine Klammer persönlicher Geschichten sein, sondern auch die Chronik eines Jahrzehnts. Das Weltgeschehen wird knapp aufgelistet und mit Schlagzeilen der „Bild“-Zeitung verbal plakatiert. Es werden die „Hits eines Jahrzehnts“ abgedruckt samt Plattencover. Ohne Bild werden hingegen die Kino-Erfolge in den 70er Jahren dargestellt. Dem Jahrzehnt, in dem für viele Dorfkinos das Totenglöcklein läutete. Nicht vergessen die Klassiker der Werbung, FA-Deo, Jägermeister oder Bärenmarke. Und der Vollständigkeit halber fehlt auch das Radio- und Fernsehenprogramm einer Woche im Februar 1975 nicht. Nach der Tagesschau um 22.30 Uhr war Sendeschluss.

Wer das Jahrzehnt nicht erlebt hat, für den ist das Buch ein unterhaltsames Guckloch in eine nicht so lange vergangene Zeit. Und wer die Ära von Minirock und orangefarbenen Autos kennt, kann damit das Verblassen von Erinnerungen aufhalten.

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