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Wetterau „Nur einer weniger“

Das Problem mit Neonazis in der Wetterau habe sich deutlich verschärft, meint Andreas Balser von der Antifa-BI. Mit der FR spricht er über die Strukturen der Szene und die Zeit nach dem „Schlitzer“.

06.02.2013 22:05
Das Old Brothers Castle wird erobert. Foto: Rolf Oeser

Das Problem mit Neonazis in der Wetterau habe sich deutlich verschärft, meint Andreas Balser von der Antifa-BI. Mit der FR spricht er über die Strukturen der Szene und die Zeit nach dem „Schlitzer“.

Warum ist die Einnahme des Old Brothers Castle in Echzell durch die Nachbarn für die Antifa-BI kein Grund zum Feiern?

Es ist ein Teilerfolg. Es ist ein Grund, sich zu freuen, dass die Neonazis ein Zentrum weniger haben und dass eine neue Anlaufstelle gegen diese entsteht. Wir müssen aber auch feststellen, dass sich das Problem mit Neonazis in der Wetterau deutlich verschärft hat. Mit dem „Schlitzer“ ist nur eine Einzelperson weggefallen. Seine restliche Gruppe ist zum Großteil weiterhin im rechtsextremen Weltbild verfangen. Es gibt jetzt eine Person weniger, eine Struktur weniger, aber das politische Umfeld ist noch vorhanden.

Wie haben sich die Old Brothers entwickelt, seit der „Schlitzer“ hinter Schloss und Riegel sitzt?

Ich sehe da eine Kontinuität. Als Gruppe sind sie abgetaucht. Aber wir entdecken Old Brothers als Neonazis bei Fußballspielen in Frankfurt, wir entdecken Old Brothers im Umfeld der NPD, wir entdecken führende Personen der Old Brothers, die Unterschriften für Pro Deutschland sammeln möchten. Wir entdecken also, dass ein Großteil der Gruppe weiter in der rechten Szene aktiv ist.

Wie wurde der „Schlitzer“ außer Gefecht gesetzt?

Den Erfolg würde ich vor allem den Nachbarn zuschreiben. Die haben sich durch uns begleitet klar positioniert, auch gegen massive Widerstände staatlicher Stellen. Es war ansonsten Teamwork: Es war der Erfolg der „Grätsche“, der Antifa-BI, der Menschen vor Ort, die sich aktiv dagegengestellt haben, der Polizei, des Ordnungsamts – also von vielen verschiedenen Akteuren. Wir haben alleine Hunderte Stunden Arbeit reingesteckt – von dem Kontakt zur ersten Nachbarin bis hin zur Prozessdokumentation vor Gericht.

Welchen Anteil hat die Polizei?

Am Anfang hat sich die Polizei sehr unglücklich verhalten. Das Problem wurde nicht ernst genommen und verharmlost. Wir wurden alleine gelassen von der Polizei, den staatlichen Stellen, aber auch von der Politik. Man muss aber auch sehen, dass nur die Polizei den „Schlitzer“ stoppen konnte. Ohne dessen Straftaten, ohne dass er durch die Polizei dieser Straftaten überführt wurde, gäbe es wohl weiterhin Gaskammerpartys in der Wiesengasse und er wäre weiter aktiv, denn der Zustrom an jungen Menschen zu den Old Brothers war zwar verdeckter, aber nicht abgerissen.

Die Antifa-BI spricht davon, dass das „Problem mit den Neonazis aktuell auch in Echzell eher größer“ wird. Woran machen Sie das fest?

Es hat in den letzten Jahren einen Zuzug von Personen aus der rechten Szene nach Echzell gegeben. Wir haben in der Region eine Basis von jüngeren Neonazis, die aktiv ist und eine eigene rechte Jugendkultur darstellt.

Sind das von den Old Brothers unabhängige Strukturen?

Das ist eine Vermischung. Die Neonazistruktur im Wetteraukreis ist eine komplexe Mixtur aus rechtsextremen Parteien und Subkulturen. Sie ist in Echzell aber primär geprägt durch die Old Brothers.

Die Anifa-BI will einen „nachhaltigen Ansatz gegen menschenverachtende Einstellungen in der Wetterau“. Wie soll der aussehen?

Wir brauchen mehr politische Bildung für junge Menschen. Wir müssen stärker an Schulen auftreten, dort Zeichen setzen, dort eine inhaltliche Positionierung gegen Neonazis vornehmen. Die Zivilgesellschaft – Vereine, Parteien – muss sich klar und ernsthaft von Neonazis distanzieren. Wir müssen auch darüber diskutieren, dass Neonazis bei Vereinsfeiern gern gesehene Gäste sind. Auch darüber, warum sie in bestimmte Diskotheken gehen können. Wir brauchen eine offene und fortschrittliche Jugendarbeit. So lange für Jugendliche das Feiern mit Neonazis attraktiver ist als die staatlichen oder alternativen Angebote, so lange haben wir ein ernstes Problem. Wir plädieren für eine freie und selbstverwaltete Jugendarbeit, wie sie früher im Jugendzentrum in Bad Nauheim betrieben wurde. Wenn junge Menschen ihre Projekte selbstständig planen und ihre Freizeit selbst gestalten, ist das das beste Mittel, um sie gegen Neonazis zu immunisieren. Dann haben sie das Selbstbewusstsein, das sie für Neonazis unerreichbar macht.

Sie kündigen in einer Pressemitteilung einen „wichtigen Baustein im Kampf gegen Neonazis“ an. Wie sieht der denn aus?

Wir werden in den nächsten Tagen gemeinsam mit einem Partner einen neuen Bildungsbaustein für jüngere Menschen im Wetteraukreis vorstellen. Wir werden in naher Zukunft an Schulen deutlich präsenter sein. Details kann ich noch nicht verraten.

Das Interview führte Bruno Rieb

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