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Rosenfest in Bad Nauheim Jubiläum im gestutzten Paradies

Das Rosendorf Steinfurth, ein Stadtteil von Bad Nauheim, feiert 150 Jahre Anbau der edlen Blumen. Einst gab es dort mehr als 200 Rosenbetriebe. Heute sind davon nur noch neun übrig geblieben.

Rosenfest
Rosenbauer im Ruhestand: Heinrich Schultheis’ Ur-Ur-Ur-Großonkel brachte die Rosen in den Ort. Foto: Rolf Oeser

Der Rosenhof Schultheis liegt idyllisch inmitten des Bad Nauheimer Stadtteils Steinfurth. In dem von Bäumen umringten Garten stehen die Rosen in Töpfen zum Verkauf. Man gelangt über eine alte Holzbrücke, unter der ein Bach plätschert, hierhin, wo „starkduftende“ Edelrosen, „öfterblühende“ Beetrosen oder „sehr winterharte“ Historische Rosen ihre Blüten zeigen. Auf letztere habe sich der Betrieb in den 1980er Jahren spezialisiert, sagt Heinrich Schultheis. Diese alten Sorten hätten schon vor 1868 Rosenliebhaber erfreut, erklärt der Seniorchef. Der 71-Jährige hat vor fünf Jahren das Unternehmen seinem Sohn übergeben. Der ist an diesem Mittwoch aber draußen auf dem Feld, weshalb der Vater zum Gespräch empfängt.

Einem Vorfahren verdankt der kleine Ort im Herzen der Wetterau seinen Ruf als ältestes Rosendorf Deutschlands. Der Ur-Ur-Ur-Großonkel von Heinrich Schultheis, der denselben Vornamen trug, gründete 1868 die erste deutsche Rosenschule, nachdem er sich Kenntnisse über die „Königin der Blumen“ in England angeeignet hatte. Mit der Zeit entstanden weitere Rosenbetriebe. Immer mehr Bauern lernten von Schultheis und stiegen in die Rosenzucht ein.

Mehr als 200 Betriebe gab es. Sie belieferten bis in die 1980er Jahre hinein den ganzen deutschen Markt und sogar das Ausland. Bis zu 15 Millionen Pflanzen seien in Steinfurth und Umgebung im Jahr gezogen worden, erzählt Schultheis. Heute, 150 Jahre später, sind es noch neun Betriebe und etwa zwei Millionen Pflanzen jährlich, die in und um Steinfurth angebaut werden.

Trotz des Rückgangs prägt die Rose den 3000 Einwohner zählenden Ort im Tal der Wetter immer noch. Schon die Straße aus Bad Nauheim hinab ist von Rosenbeeten gesäumt, es gibt ein europaweit einzigartiges Rosenmuseum, das sich dem edlen Gewächs aus kunst- und kulturgeschichtlicher Perspektive nähert. Die ABC-Schützen besuchen eine Grundschule namens Rosendorfschule. Alle zwei Jahre gibt es in Steinfurth zudem ein mehrtägiges Rosenfest mit einem Umzug – so wie kommendes Wochenende.

Die Gründe, warum die Zahl der Betriebe und die Produktionsmengen zurückgegangen sind, sind vielfältig. Das weiß Siegfried Karlin von der Rosen-Union in Steinfurth zu berichten. Die Rosen-Union ist eine Absatz-Genossenschaft für Rosenpflanzen, die 1961 gegründet wurde und für die zurzeit noch 18 Betriebe etwa eine Million Rosenpflanzen produzieren. Die Gärten der Kunden würden kleiner, sagt Karlin. „Es gibt nicht mehr das klassische Rosenbeet.“ Dafür habe die Zahl der Gärten mit Stauden, Gehölzen und vielen Steinen zugenommen. „Dort sind nur vereinzelt Rosen drin“, so Karlin. Nicht nur Privatleute kauften jedoch weniger Rosen. Auch Städte und Gemeinden hätten in den letzten Jahren weniger Blumen geordert, um ihre Beete zu bepflanzen. In Zeiten knapper Kassen gehörten Rosen eben nicht zu deren Priorität, sagt Karlin. Günstigere Importe aus anderen europäischen Ländern und Übersee täten ihr Übriges.

Die Leiterin des Rosenmuseums, Jutta Pauli, nennt einen anderen Grund: „Etliche Betriebe sind eingegangen, weil kein Nachfolger mehr da war.“ Der Rosenanbau sei eine unendlich schwere Arbeit, sagt Pauli im Café des Museums, das sich in einem alten Fachwerkhaus befindet.

Dass in den nächsten Jahren noch mehr Betriebe in Steinfurth schließen werden, denkt die Museumsleiterin nicht. Die Unternehmen hätten sich „gesundgeschrumpft“. Überdies hätten sie alle ihre Nische gefunden. Bei dem einen Betrieb seien es Historische Rosen, bei dem anderen Bio-Rosen. Ein drittes Unternehmen wiederum sei führend bei hochstämmigen Rosen. „Im Grunde nehmen sie sich gegenseitig nichts weg“, sagt Pauli. Siegfried Karlin von der Rosen-Union sieht das ganz ähnlich: „Ich mache mir über das Rosendorf Steinfurth keine Sorgen.“

Die Füße hochlegen können die Rosenproduzenten deshalb nicht. „Wir lassen uns immer was einfallen“, sagt Heinrich Schultheis. So habe er in den 1980er Jahren im Dorf als erster mit Historischen Rosen begonnen. „Das haben wenige nachgemacht.“

Vor etwa 20 Jahren eröffnete die Rosenhof Schultheis dann einen eigenen Onlinehop, in dem sich die mehr als 1000 Rosensorten heute ganz bequem per Maus-klick bestellen lassen. Etwa 70 Prozent des Umsatzes erziele der Betrieb auf diesem Weg, schätzt der Seniorchef. Über die „wichtigsten Rosenfragen“ hält Geschäftsführer Christian Schultheis seine Kunden mittlerweile mit einem Newsletter auf dem Laufenden. Und längst gibt es in den verbliebenen Unternehmen weit mehr als nur die Pflanzen zu kaufen: Rosenmarmelade, Porzellan, Körperpflege, Bücher, Servietten und vieles mehr bescheren den Produzenten Extraeinnahmen.

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