Lade Inhalte...

Rockenberg Familiengefühl im Knast

In der Justizvollzugsanstalt (JVA) Rockenberg können junge Häftlinge unter anderem ihren Schulabschluss nachholen, eine Ausbildung machen, kochen und fotografieren lernen. All das soll sie vorbereiten auf die Zeit nach dem Knast. Genauso wie das Zusammenleben in Wohngruppen.

Eine Ausbildung macht fit, für die Zeit nach dem Knast. Foto: Rolf Oeser

Der Eindruck drängt sich auf, in einem Museumshof zu stehen. Wenn da nicht die vergitterten Fenster des ehemaligen Rockenberger Klosters wären. Viele der Gitter wurden von den heutigen Insassen der historischen Gemäuer, jugendlichen Strafgefangenen, selbst gebaut: Die Schlosserei ist einer von sieben Ausbildungsbetrieben in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Rockenberg. Ausschließlich junge Männer sitzen hier ein, 190 von ihnen haben Platz in den Neubauunterkünften, die sich hinter hohen Mauern den Blicken der Spaziergänger entziehen.

Wenn Arne Bender (Name geändert) morgens aufsteht, ist es 6.30 Uhr. Um sieben Uhr holen ihn Justizbeamte zusammen mit den anderen Häftlingen seiner Wohngruppe zur Arbeit ab. Dann geht er in die Schlosserei, wo er einen berufsvorbereitenden Lehrgang im Bereich Metallbau macht. „Heute Mittag gehe ich in die Mensa essen, dreimal in der Woche sind wir in dem großen Speisesaal. Ansonsten essen wir in unseren Wohngruppen.“

Gewaltfreie Lösungen

Die Wohngruppen sind das Herz des Anstaltslebens. Viele der jungen Männer kennen das Gefühl familiärer Gemeinschaft aus ihrem Leben in Freiheit nicht. Wie man zusammenlebt, Konflikte bespricht, gemeinsam und vor allen Dingen gewaltfrei Lösungen findet – das lernen sie in der höchstens zehnköpfigen Wohngruppe. „Wie in einer Familie“, sagt JVA-Leiter Klaus Ernst. „Einmal in der Woche gibt es beispielsweise eine Gruppenaussprache zusammen mit einem Sozialpädagogen.“

In der Schlosserei wird derweil gefeilt, gefräst und gesägt. Blaue Funken sprühen, als einer der 19 Auszubildenden anfängt zu schweißen. „In der Regel sind es Privatleute, die uns Aufträge geben“, sagt Betriebsleiter Harald Göbel. „Wir stellen Hoftore her, Treppen oder Schwenkgrills.“ Dass diese und andere Gegenstände nicht in größerem Umfang produziert werden, hat seine Gründe. Im Vordergrund stehe die Ausbildung, betont Göbel, nicht der Verkauf. Zwar sind die hiesigen Betriebe bei der Handwerkskammer Wiesbaden beziehungsweise der Industrie- und Handelskammer Gießen-Friedberg Mitglied. Am freien Markt werben dürfen sie dennoch nicht. „Wegen der geringen Lohnkosten können wir die hier gefertigten Produkte viel günstiger anbieten als draußen. Das wäre Wettbewerbsverzerrung“, erklärt der Betriebsleiter.

Immer wieder flachst er mit den Azubis, die Stimmung ist locker. Auch in der Kfz-Werkstatt betont Ausbildungsmeister Timo Kehm: „Wenn die Tür zu ist und wir hier unter uns sind, sehe ich das nicht als Haftanstalt an. Ich muss ein Vertrauensverhältnis zu den jungen Leuten aufbauen“. Die Autos, die die angehenden Servicemechaniker und Kfz-Mechatroniker hier reparieren, gehören den JVA-Mitarbeitern.

Zusammen mit einem Azubi begutachtet Kehm ausführlich den Radkasten eines Autos auf einer der drei Hebebühnen. Dann zeigt er den Rost, der weg muss. Der Azubi klopft und hämmert, dicke Brocken fallen herunter. Für das Zeigen und Erklären ist hier viel mehr Zeit als draußen. Ein Meister kümmert sich hier um vier Azubis, von einem solchen Betreuungsschlüssel träumen sie in anderen Werkstätten.

90 Prozent ohne Ausbildung

Etwa 90 Prozent der Häftlinge haben weder einen Schulabschluss noch eine abgeschlossene Berufsausbildung, wenn sie hierher kommen. Ist die Haftstrafe lange genug, können sie beides hier nachholen. Reicht die Zeit nicht, sorgen die JVA-Mitarbeiter im sogenannten Übergangsmanagement dafür, dass sie die Ausbildung draußen weiterführen können.

Viele der hiesigen Straftäter haben Delikte auf dem Kerbholz, für die eine mehrmonatige Haftstrafe ausreicht: Einbruch, Diebstahl, wiederholtes Fahren ohne Führerschein. „Länger als fünf Jahre ist selten“, sagt Anstaltsleiter Ernst. Aber diese seltenen Fälle gibt es auch. Gewalttäter, die wegen Totschlags verurteilt sind oder Sexualstraftäter. Zehn Jahre sind die Höchststrafe im Jugendstrafvollzug.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen