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Ranstadt Früher Warner vor dem Terror

Pfarrer Peter Brunner leistete Widerstand gegen die Gleichschaltung der Kirche

20.01.2012 23:06
Bruno Rieb
Der Theologe auf einem Foto aus dem Jahr 1927. Foto: privat

Einen „berühmten und mutigen Sohn“ ehrte die Gemeinde Ranstadt im August 2010. Sie benannte den Platz vor dem Bahnhof nach Peter Brunner. Der habe den Mut und die Kraft aufgebracht, sich gegen die „aufkommende Allmacht“ zu wehren, „sich gesellschaftlich zu bekennen gegen menschen- oder fremdenverachtende Parolen und Handlungen und das Wort Gottes anzuhören und danach sein Handeln auszurichten“, so die Ranstädter Bürgermeisterin Cäcilia Reichert-Dietzel (SPD) damals.

Brunner war vom 9. Juli 1933 an für vier Jahre Pfarrer in Ranstadt. Der „eisenharte Lutheraner“ wehrte sich gegen die Gleichschaltung der Kirche durch die Nationalsozialisten. Die steckten ihn dafür ins Konzentrationslager. Die Ranstädter Gymnasiallehrerin Stefanie Huesmann würdigt nun Brunners Widerstand im aufkommenden Nationalsozialismus in einem 210 Seiten umfassenden Buch.

Das Dorf, in das der am 25. April 1900 in Arheiligen bei Darmstadt geborene Brunner kam, sei eine „rote Hochburg“ gewesen, schreibt Huesmann. Am 9. März 1931 habe es eine legendäre Saalschlacht gegeben, als die Sozialdemokraten eine Versammlung der NSDAP sprengen wollten. SA sei zusammengetrommelt und mit Lastwagen nach Ranstadt gebracht worden, so dass am Ende die Anhänger der NSDAP in der Überzahl waren. Es sei zu „wüsten Prügeleien“ gekommen.

Als Teil der Bekennenden Kirche wehrte sich Brunner gegen die Einflussnahme des Staates auf die Kirche. Nachdem er am 10. März 1935 im Gottesdienst eine Botschaft der Deutschen Evangelischen Kirche (DEK) verlesen hatte, wurde er verhaftet. Am 20. März wurde er von einem Beamten der Staatspolizei im Pfarrhaus in Ranstadt abgeholt. „Das halbe Dorf versammelte sich und stellte sich dem Auto in den Weg, welches Brunner nach Gießen bringen sollte“, berichtet Huesmann.

Brunner wurde ins KZ Dachau gebracht. Zwei weitere Pfarrer aus Hessen-Nassau waren ebenfalls verhaftet worden. „Es war wohl das erste Mal im Reichsgebiet, dass Geistliche in ein Konzentrationslager gebracht wurden“, vermutet Huesmann.

Brunners Verhaftung sorgte nicht nur in Ranstadt für Aufregung, sondern auch an der Universität in Gießen, an der er lehrte. Seine Studenten forderten mit einer Unterschriftensammlung seine Freilassung. Am 4. Juni 1935 wurde er aus Dachau entlassen.

Die Gemeinde hatte sich gespalten. Viele schlossen sich Brunner an, einige wenige bekämpften ihn, andere hielten sich bedeckt, schreibt Huesmann.

Brunner verlies Ranstadt im Juli 1936 und wurde Dozent für lutherische Dogmatik an der Kirchlichen Hochschule der Bekennenden Kirche in Wuppertal-Elberfeld. Der streitbare Pfarrer starb am 24. Mai 1981. Er wurde in seinem Wohnort Neckargemünd bestattet.

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