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Hirzenhain SS-Massenmord kurz vor Kriegsende

Trauriger Jahrestag: Am 26.März vor 65 Jahren erschoss ein SS -Kommando am Dorfrand von Hirzenhain 87 Menschen. Von Detlef Sundermann

Gedenkstätte in Hirzenhain. Foto: FR/Hartung

Am heutigen 26. März jährt sich zum 65. Mal der wohl schwärzeste Tag in der Geschichte Hirzenhains. Ein vor den Alliierten fliehendes 13- bis 16-köpfiges SS-Kommando aus Wiesbaden unter der Leitung von Hauptscharführer Emil Fritsch ermordete sechs Männer und 81 Frauen. Die Opfer waren Gefangene des Arbeits- und Erziehungslagers der SS in Frankfurt-Heddernheim und des Frankfurter Polizeigefängnisses Klapperfeld, die in der Außenstelle Hirzenhain untergebracht worden waren. Ziel des barbarischen Akts: Die Gefangenen sollten nicht von den Alliierten befreit werden.

Nur Tage vor der Greueltat waren noch 49 Frauen aus Frankfurt in das Vogelsbergdorf transportiert und in den Wasserturm gesperrt worden. Fünf Frauen konnten unmittelbar nach Verlassen des Zuges fliehen. Für die Ermordeten ging der Krieg in der Wetterau drei Tage zu spät zu Ende.

In dem in den 90er Jahren erschienenen Buch "Das mit den Russenweibern ist erledigt" werden der Massenmord und die Geschichte der Rüstungsindustrie in der Gemeinde von dem Historiker und heutigen Friedberger Bürgermeister Michael Keller (SPD) aufgearbeitet. Die Dokumentation basiert auf einer Schrift von Frank Pötter, der 1980 das Massaker beschrieb.

Gefangene schaufelten Grube

Die Vorbereitung des Massenmordes begann am Vortag. Männlichen Gefangene mussten 800 Meter vom Lager eine neun mal vier Meter große und 1,5 Meter tiefe Grube an der Straße nach Glashütten ausheben. Einer Aufseherin sagte Fritsch: "Das wird ein Benzinlager."

Am 26. März im Morgengrauen wurden die Frauen und Männer in zwei Gruppen von den SS-Leuten hinauf zum Wald geführt. Die Straße nach Glashütten wurde während der Erschießungen gesperrt. Eine Stunde lang soll am Waldrand geschossen worden sein. Was man davon im Dorf mitbekam, ist bis heute fraglich.

Nach den Hinrichtungen soll ein Adjudant dem SS-Oberführer Hans Trummler gemeldet haben: "Die Angelegenheit mit den Russenweibern ist erledigt." Nach Abzug der SS soll eine Frau das Massengrab entdeckt haben, und im Mai 1945 sollen Hirzenhainer Männer unter Aufsicht polnischer Soldaten den Blutsumpf geöffnet haben, um die Leichen zu zählen.

Die Toten waren Frauen und Männer aus verschiedenen Ländern, die in Lager gesteckt wurden, weil sie etwa den Hitler-Gruß verweigerten oder angeblich bei der Arbeit bummelten. Nach Verbüßen ihrer Strafen im Hirzenhainer Arbeits- und Erziehungslager sollen sie zur Zwangsarbeit in der örtlichen Rüstungsindustrie gepresst worden seien.

Die Frankfurter Breuer-Werke, eine Buderus-Tochter, produzierten dort Panzerbauteile. In dem damals 600 Einwohner zählenden Dorf gab es drei Zwangsarbeiterlager mit insgesamt bis zu 1500 Menschen, die zum Teil auch in der Landwirtschaft arbeiteten.

An die Ermordung der 87 Menschen erinnert nur noch ein Steinkreuz am Waldrand. Die Texttafel verschwand. Die Toten wurden 1960 in die Kriegsgräberstätte von Kloster Arnsburg überführt.

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