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Hassia in Bad Vilbel Schraubverschlüsse zu Motorteilen

Bei dem Getränke-Hersteller Hassia in Bad Vilbel werden jede Woche die Verschlüsse des Leerguts abgeholt, um sie zu mahlen und zu veredeln.

Getränke-Hersteller Hassia
Etwa vier Millionen Kappen wurden in einem Silo gesammelt. Foto: Rolf Oeser

Wie buntes Konfetti regnen die Schraubverschlüsse aus dem Rohr. Blaue, grüne, rote, graue, dazwischen einige gelbe. Schon nach wenigen Minuten sind sie auf der Ladefläche des Lastwagens zu einem kleinen Berg angewachsen. Nach ungefähr drei Stunden ist der Container voll – gefüllt mit etwa vier Millionen Kunststoff-Kappen, die bis vor wenigen Tagen noch Mineralwasser-, Limonade- oder Schorle-Flaschen verschlossen haben. Mehr als zehn Tonnen ist die Ladung schwer, die einen aus größerer Entfernung an ein Bällebad im Möbelhaus erinnern könnte. 

Regelmäßig kann man das Schauspiel im Entsorgungsbereich des Getränke-Herstellers Hassia in Bad Vilbel beobachten. Es steht am Anfang eines mehrstufigen Recyclingverfahrens, dem sich die Unternehmensgruppe 2016 angeschlossen hat und an dessen Ende sich der ehemalige Verschluss der Apfelschorle zum Beispiel im Innengehäuse eines Außenspiegels am Auto wiederfindet. Bis dahin hat er viele Kilometer hinter sich, ist zerkleinert, verkauft und mit anderen Stoffen angereichert worden. 

Die Verwertung der kleinen, deutschlandweit standardisierten Kappen ist ein Teil der Nachhaltigkeitsstrategie des 1864 gegründeten Unternehmens, das in fünfter Familiengeneration von Dirk Hinkel geführt wird. Vor 2016 hat es damit begonnen, sämtliche Abteilungen im Vilbeler Stammhaus auf eine soziale und ökologisch nachhaltige Entwicklung auszurichten, und er ließ sich diese Mühen im April 2016 erstmals vom SGS Institut Fresenius zertifizieren. „Die Zertifizierung hat ganz viele Dinge ins Rollen gebracht“, sagt Unternehmenssprecherin Sibylle Trautmann. 

Verkauf nicht nur eine ökologische Wohltat

Mindestens einmal in der Woche kommt nun der schwere Laster auf das Betriebsgelände zwischen der Gießener und der Festplatzstraße gefahren, um die Verschlüsse abzuholen. Denn selbst wenn sie auf Mehrwegflaschen gesessen haben, werden sie immer nur einmal verwendet. 
Bevor die Kappen in den Container regnen, sammelt Hassia sie in einem viele Meter hohen Silo, das mit einer drei bis vier Millimeter dicken Folie ausgekleidet ist. Druckluft hat sie durch ein Röhrensystem in das Silo geblasen. Hier lagern die Verschlüsse, bis der Fahrer seinen Lkw unter das dicke Rohr gesteuert hat und sich der Speicher per Knopfdruck zu leeren beginnt. Mit einem ohrenbetäubenden Lärm werden sie dann abgesaugt und prasseln durch das drahtverstärkte PVC-Rohr auf die Ladefläche. 

Das Unternehmen AFG-Recycling aus Neuwied hat die Ladungen von Hassia in Bad Vilbel gekauft und lässt sie nach Rheinböllen bringen. Für Hassia ist der Verkauf nicht nur eine ökologische Wohltat. „Wir verdienen damit Geld“, sagt Firmensprecherin Trautmann. Wie viel, das möchte sie nicht preisgeben. 

In Rheinböllen, einer Kleinstadt im Hunsrück, die etwas über 100 Kilometer von Bad Vilbel entfernt ist, werden die Verschlüsse dann zu wenigen Millimeter großen Partikeln gemahlen, gewaschen, von Anhaftungen befreit und getrocknet. Das geschieht bei Richard Groß. Sein Unternehmen PiP, die Processing in Plastics GmbH, macht aus den Verschlüssen von Hassia, aber auch denen des Mitbewerbers Gerolsteiner Schnitzel oder Flakes. In einer „rieselfähigen“ Größe, wie er sagt. Aus den Polyethylen- und Polypropylen-Verschlüssen wird ein hochwertiges Mahlgut. 

Diese Aufgabe erledigt Groß für sogenannte Compoundeure. Sie verdienen Geld damit, dass sie Kunststoffe veredeln und ihnen Stoffe beifügen. Welche das sind, hängt vom Wunsch des Kunden ab. Der eine will eine bestimmte Farbe, dem anderen ist die Beständigkeit bei bestimmten Temperaturen wichtig, einem dritten die Härte. Je nachdem, was gewollt ist, wird zum Beispiel mit Magnit, Talkum oder Glasfasern veredelt. 

Am Ende dieser Verwertungskette, erklärt Sibylle Trautmann, steckten die einstigen Verschlüsse unter anderem in Schalen, die die Radkästen von Fahrzeugen schützten, oder in Bauteilen im Motorraum. „Vor allem im nicht sichtbaren Bereich.“ Genauso würden sie aber auch in der Produktion von Möbeln, Haushaltsgeräten und Verpackungen verwendet.

Das Recycling von Kunststoff verringert laut Hassia den Bedarf an Primärmaterialien und damit an fossilen Rohstoffen wie Erdöl, die in der Produktion benötigt werden. Auf diese Weise hätten die Altverschlüsse, die jede Woche wie buntes Konfetti auf die Lkw-Ladefläche in Bad Vilbel regnen, vergangenes Jahr 1329 Tonnen CO2 eingespart.

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