Lade Inhalte...

Hanau Hoffnung trotz Krieg und Traumata

Das Zentrum für Traumapädagogik baut sein Engagement in Nordsyrien aus.

Dorfbau
Frauen, die im Krieg unfassbare Gewalt erfahren und ihre Ehemänner verloren haben, bauen ein eigenes Dorf auf. Foto: Thomas Lutz

Immer wieder spielen die Kinder Krieg; für kaum etwas interessieren sie sich so sehr wie für Waffen. Sie durchleben Phasen heftiger innerer Unruhe, in denen sie aggressiv werden. Und Phasen, in denen sie total abwesend sind, als hätten sie sich in eine andere Welt gebeamt. Wie passiert in den Mädchen und Jungen? Wie kann man ihnen helfen?

Das haben Mütter und Väter in der Demokratischen Förderation Nordsyrien die Hanauer Traumapädagogen Heike Karau und Thomas Lutz gefragt. Die Sozialarbeiter des international aktiven Hanauer Zentrums für Traumapädagogik reisten im Mai erneut nach Rojava (Westkurdistan), wo die Kämpfe mit der Terrormiliz „Islamischer Staat“ viele Todesopfer forderten und Traumata sowie Zerstörung hinterließen. In zwei Wochen werden Karau und Lutz bei einer Veranstaltung in Hanau von ihren Eindrücken während der Reise berichten, zu der sie von der Stiftung der freien Frau in Rojava eingeladen worden waren.

Wie bei ihrem Besuch im vergangenen Jahr haben sie auch diesmal ihr Wissen über den Umgang mit traumatischen Erlebnissen weitergegeben, auch an die Betroffenen in einem Elterntreff: Die Reaktionen der Kinder seien in dieser Situation völlig normal, sagte Lutz. Es komme darauf an, ihnen viel Verständnis entgegenzubringen und Sicherheit zu vermitteln. Und das Erlebte nicht zu verdrängen, sondern mit ihnen darüber zu sprechen. Auch Eltern, Lehrer und Erzieher sollten ihre Gefühle nicht verstecken, erklärte Karau. Für die Kinder sei es wichtig, zu sehen, dass Erwachsene auch mal traurig sind - und dies überwinden können.

Die Traumapädagogen wollen ihr Engagement in Rojava ausbauen. Im Oktober soll dort ein Waisenhaus eröffnet werden, für dessen Mitarbeiter die Hanauer eine Fortbildung planen. Um die Menschen und die Region noch besser kennenzulernen, verbrachten Karau und Lutz im Mai zwei Wochen dort. Sie besuchten zum Beispiel Bildungs- und Erziehungseinrichtungen, den Dachverband der Frauenorganisationen und ein von Frauen errichtetes Dorf.

Weil sich gefährliche Situationen auf solchen Fahrten nicht ausschließen lassen, nehmen die Sozialarbeiter ein Risiko auf sich. Hinzu kommt, dass Grenzblockaden gegen die Föderation ihnen die Einreise erschweren. Doch die Einsätze sind ein Herzensanliegen für sie, es ist sowohl ein berufliches als auch ein persönliches Engagement. „Es handelt sich um eine traumatisierte Gesellschaft, wir möchten die Betroffenen unterstützen“, so Lutz. „Gleichzeitig ist es bereichernd, den Menschen dort zu begegnen und den Aufbau einer neuen Gesellschaft zu beobachten“, fügt Karau hinzu. Es sei beeindruckend, was in Rojava trotz des Krieges und all seiner Folgen entstehe: eine Gesellschaft, die von Gleichberechtigung, Solidarität und Basisdemokratie geprägt sei. „Die Frauen gehen bei dieser Revolution voran“, sagt Lutz. Natürlich brauche es Zeit, diese Werte zu etablieren, doch das bisher Erreichte sei beispielhaft. So werden etwa politische Posten jeweils von einer Frau und einem Mann besetzt. Und in Schulen sind Noten abgeschafft worden, stattdessen gibt es nach dem Unterricht einen Austausch zwischen Lehrern und Schülern.

Angriff der Türkei auf Afrin treibt die Menschen um

Die Not ist aber nach wie vor groß; es fehlt an Räumen und Personal, die Verwüstung durch den Krieg ist stellenweise allgegenwärtig. Manche Menschen wollen ihre zerstörten Häuser zunächst nicht verlassen, „weil sie sagen: ,Die Trümmer verbinden uns mit den Toten‘“, so Karau.

Die Bedrohung ist weiter hoch, der Angriff der Türkei auf Afrin treibt die Menschen besonders um. Sie seien „entsetzt, dass die Weltgemeinschaft nicht reagiert hat“, hoffen aber auf eine Wende.

Hoffnung schöpften die Menschen aus ihrer Solidarität und den positiven Entwicklungen, erzählt Karau und nennt ein Frauendorf als Beispiel, errichtet von und für Frauen, die Gewalt erlebt und ihre Männer verloren haben. Fast alle der 30 geplanten Häuser aus Lehm sind fertig. Es wird ein ökologisches Dorf, das Selbstversorgung ermöglicht, mit Schule und Ausbildungszentrum.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen