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"Geisterhaus" von Ortenberg Chippendale trifft Designerlampe

Die Goldschmiedin Doris Gassmann hat das Haus in der Mittelstraße von Ortenberg komplett saniert und darin ein Restaurant eröffnet.

02.08.2010 17:26
Ute Vetter
Die Patina der Möbel erzähle Geschichten, sagt die Eigentümerin. Foto: Sascha Rheker (2)

Im „Geisterhaus“ in der malerischen Altstadt von Ortenberg spukt es seit Mitte Juli nicht mehr: Die Goldschmiedin Doris Gassmann (52) hat das herrenlose, heruntergekommene Fachwerkhaus in der Mittelstraße 5 vom Land Hessen gekauft und daraus ein Schmuckstück gemacht. Über ein Jahr lang renovierte sie das 1777 erbaute, barocke Kulturdenkmal: Dach, Fassade, Sanitär, Elektro, Heizung, Wände, Decken, Treppen, „einfach alles“.

Sie riss Wände und marode Eichenbalken heraus, stellte gebrauchte neu hinzu. Sie schuf zusammen mit ihrem Bruder, dem Architekten Erich Gassmann aus München, einen offenen Gastraum mit Fußbodenheizung und Gußeisenofen, baute eine Terrasse für acht bis zehn Personen an. War ein Lehm-Gefach zu bröselig, entfernte sie es und ersetzte es durch ein antikes Gitter.

Tapetenreste sind Zitate

„Es war ein guter Weg, der Konstruktion zu folgen. Wir haben dem Haus nichts übergestülpt“, findet sie. So manches Mal musste sie den Handwerkern ihre speziellen künstlerischen Ideen erklären: Uralte Tapetenreste als „Augen“ im Neuputz aussparen oder als Schnipsel an Balken kleben lassen. „Sie sind Zitate der Vergangenheit des Hauses“.

Die Mutter zweier Söhne, die seit 20 Jahren in Ortenberg lebt und arbeitet, hat ihr gesamtes Erbe in das „Geisterhaus“ gesteckt. Heraus kam ein Kleinod, ein charmantes Restaurant mit Platz für 30 Gäste auf zwei Etagen und einem Raum nur für Kunst und Kultur. Schon jetzt hängen hier Bilder bekannter Künstler wie Axel Gallun und Karl Dudek. Allein die im frühen 20. Jahrhundert vor der Fassade und dem Bruchsteinsockel angebrachte Holz-Loggia ist ein Hingucker. „Maximal vier Leute haben dort Platz, aber er wird stetig gebucht“, freut sich Gassmann.

Sie hat sich für ihr „Geisterhaus“-Projekt einen Profi an die Seite gestellt: Christian Jonca (39). Der Koch ist in der Region schon lange ein Garant für einfallsreiche Gaumenfreuden, zuletzt verwöhnte er Kulinarik-Fans im Glauberger Bahnhof. 2009 gewann er den ersten Preis bei „Frankfurt geht aus“ in der Kategorie Landgasthöfe. Er bietet im „Geisterhaus“ eine häufig wechselnde und bewusst reduzierte Karte. Er koche, sagt er, „so, wie ich es selbst gerne auf dem Teller hätte, ginge ich essen“. Im Vordergrund steht deutsche Küche, aber neu interpretiert. Derzeit sind das Linguine in Hummersoße mit Flusskrebsen, Rotweinzwiebeln und Schalentieren. Oder Steinbutt-Medaillons mit Kohlrabispaghetti. Oder Sauerkraut-Pfeffer mit Kümmelschmand und zarten Schweine-Medaillons. Von den Vorspeisen und Desserts gar nicht zu reden. Einen Catering-Service plant er bereits.

Ihm gefällt, dass Doris Gassmann mehr bieten will als „nur“ ein gehobenes Restaurant mit ironischem Flair dank Chippendale-Mobiliar, gemixt mit coolen Designerlampen, marokkanischen Fliesen, im Shabby-Chic-Style aufbereiteten Möbeln und Accessoires von Flohmärkten.

„Ich kombiniere einfach gern“, erzählt die gebürtige Schweinfurterin. „Die Patina meiner Möbel ist echt, die Geschichten hinter jedem Gegenstand existieren. Jeder soll sehen, was andere weggeworfen haben.“ Auch das kuschelige Fremdenzimmer unterm Dach für bis zu sechs Gäste steckt voller hübscher optischer Überraschungen.

„Es war nie mein Traum, ein kleines Restaurant zu eröffnen“, sagt sie lächelnd. Das habe sich erst im Zuge ihrer Überlegungen für ein sinnvolles Konzept ergeben. Jonca verleihe dem Ganzen eine neue Dimension in Sachen Professionalität und Qualität, das Restaurant sorge für Publikumsverkehr. „Denn es geht mir hier um mehr – die Belebung der Altstadt, um geistige Werte, Kunst und Spiritualität.“

Mit der Stadt pflegt sie schon länger einen Austausch über Möglichkeiten einer Belebung der Altstadt. So hat sie bereits ein mehrseitiges Kulturkonzept entworfen – und will aus ihrem Wohnhaus ein paar Gassen weiter ein Kunstzentrum machen. Aber das ist eine andere Geschichte. Jetzt belebt sie erst einmal Menschen mit Geist in ihrem „Geisterhaus“.

Das Geisterhaus, Mittelstraße 5, 63683 Ortenberg, Telefon 06046 / 4959442, E-Mail: info@dasgeisterhaus.com. Öffnungszeiten Restaurant: mittwochs bis samstags jeweils von 18 bis 23 Uhr, sonntags jeweils von 11.30 bis 23 Uhr.

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