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Büdingen Das barocke Erbe der Brüder

In der Wetterau bauten die Herrnhuter Glaubensgemeinschaft ihre erste richtige Siedlung. Heute kümmert sich ein Verein darum, dass die Gebäude erhalten bleiben.

Herrnhaag
Blick durch das rekonstruierte Brunnenhäuschen auf das Grafenhaus. Foto: Renate Hoyer

Auf einer Anhöhe zwischen den Büdinger Stadtteilen Diebach und Lorbach, dem Haagberg, liegt eine besondere Siedlung. Von hier oben reicht der Blick zur Ronneburg und auf den Vogelsberg. Barockbauten prägen die Szenerie, schlicht und schön, ohne protzig zu wirken. Den Namen hat die Siedlung von der Herrnhuter Brüdergemeinde, einer lutherisch-pietistischen Glaubensgemeinschaft, die dort 1738, von Sachsen kommend, Zuflucht fand und 15 Jahre lang lebte: Herrnhaag. Es war die erste planmäßig angelegte Herrnhuter Siedlung überhaupt, und sie wurde zum Modell für viele andere in Europa und in Übersee. 

Von den anfänglich 17 Gebäuden sind heute noch vier komplett erhalten. Und aus den rund 1000 Einwohnern, die Mitte des 18. Jahrhunderts auf dem Herrnhaag lebten, sind 40 geworden, wie Bodo Preißer erzählt. Er ist zweiter Vorsitzender des Vereins der Freunde des Herrnhaag. Dieser gründete sich 1959 aus einer privaten Initiative heraus und erwarb den nördlichen Teil des Geländes, um die historischen Gebäude zu erhalten und zu restaurieren. 

Im sogenannten Grafenhaus, das auch „Lichtenburg“ heißt, wird seit Ende 2016 nahezu ununterbrochen gearbeitet. Es ist das Zentrum des Herrnhaag. Viel geschieht mit Unterstützung der Jugendwerkstatt, einem Qualifizierungsprojekt für benachteiligte Jugendliche und junge Erwachsene, das seit 2001 die intakten Räume der „Lichtenburg“ nutzt. „Wir können Dinge machen, die wir sonst an Firmen vergeben müssten“, sagt Preißer.

Schubkarre um Schubkarre haben sie zuletzt den von den Wänden im Erdgeschoss abgeklopften Putz zu einem großen Container gefahren. Zahlreiche Decken und Wände waren vom Hausschwamm befallen, der Putz musste runter. An vielen Stellen liegt das Mauerwerk blank. Im Kirchensaal, den die Herrnhuter Brüdergemeinde heute noch für Gottesdienste nutzt und in dem kulturelle Veranstaltungen und private Feiern stattfinden, hat die Jugendwerkstatt die Dielen abgetragen, bevor sie von einem Fachunternehmen instandgesetzt wurden. Im zweiten Bauabschnitt soll in dem zweigeschossigen Saal die Empore saniert werden, sagt Preißer.

Seit 2013 widmet sich der Verein der Sanierung des Grafenhauses, nachdem er das Schwesternhaus, in dem heute noch Menschen in einer ökumenischen Gemeinschaft der Herrnhuter Brüdergemeinde zusammenleben, restauriert, und das frühere Brunnenhäuschen wiederaufgebaut hatte. Vor Kurzem gab es 2800 Euro vom Wetteraukreis, um eine barocke Treppe zu erneuern.

Im Dezember 2016 kündigte die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD) an, das Projekt mit 100.000 Euro zu unterstützen. 271.000 Euro, schätzt Preißer, werde der Verein in diesem und im vorigen Jahr für das Grafenhaus ausgegeben haben. Förderzusagen gibt es auch vom Landesamt für Denkmalpflege und dem Bund. Viele Hunderttausend Euro waren schon vorher investiert worden. 

Der Sanierungsbedarf im Grafenhaus sei sehr hoch, sagt Preißer. Deshalb ist er froh, dass sich Vereinsmitglieder tatkräftig an den Arbeiten beteiligen. So habe man einen Handwerker in den Reihen, der neue Fenster für das Grafenhaus umsonst herstelle. Wie lange es dauern wird, bis die „Lichtenburg“ rundherum neu sein wird, lässt sich nicht sagen.

Die Freunde des Herrnhaag lassen sich jedenfalls nicht entmutigen, auch wenn sich die Arbeiten durch unschöne Entdeckungen wie Schimmel verzögern oder die Auflagen des Denkmalschutzes sie vor schwierige Fragen stellen. Als der Wetterauer Baudezernent Jan Weckler (CDU) kürzlich den Herrnhaag besuchte, sagte er, es sei gut, dass die historischen Bauwerke nicht nur erhalten, sondern weiter mit Leben erfüllt würden. Wer sich davon überzeugen möchte, kann das zum Beispiel jeden ersten und letzten Sonntag im Monat tun, wenn das „Café Herrnhaag“ im Grafenhaus geöffnet hat. 

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