Lade Inhalte...

Bad Vilbel Seltene Rinder und Leistungskühe

Auf der Bezirkstierschau beim Vilbeler Markt schnuppert die städtische Bevölkerung Landluft. 150 Tiere werden von ihren Züchtern zur Beurteilung gebracht.

Ein Rotes Höhenvieh sieht und hört man nicht alle Tage - die kleine Besucherin ist skeptisch. Foto: Michael Schick

Auf der Bezirkstierschau beim Vilbeler Markt schnuppert die städtische Bevölkerung Landluft. 150 Tiere werden von ihren Züchtern zur Beurteilung gebracht.

Das tiefe, aber auch mal aufgeregte Höhen erklimmende Muhen der Rinder empfängt frühe Besucher des Vilbeler Marktes akustisch. Olfaktorisch dominiert die Klasse der „kleinen Widerkäuer“ – der Geruch von Ziegen und Schafen zieht vom Markt- zum Parkplatz. Tiertransporter stehen dort am frühen Morgen noch fast so häufig wie normale Autos. Radfahrer auf dem Niddaradweg müssen an der Unterführung bremsen, weil Pferde, Kühe und andere Vierbeiner von ihren Zweibeinern aufs Gelände geführt werden. Es ist Bezirkstierschau auf dem Vilbeler Markt.

Zur 56. Bezirkstierschau sind rund 70 Rinder, über 50 Pferde, 30 Schafe und 15 Ziegen gekommen, alles in allem etwa 150 Tiere, die von ihren Züchtern zur Beurteilung gebracht wurden. Die Kleintiere mal außen vor gelassen. Aber nicht erst seit 56 Jahren gibt es Tiere auf dem Vilbeler Markt zu sehen, der Viehmarkt war 1820 sogar Ursprung des gesamten Markttreibens.

Tradition beweisen auch viele Züchter, die oft schon seit mehreren Jahrzehnten zum Markt kommen. Aus unterschiedlichen Motiven: Während es für Züchter von Leistungskühen wie den Deutschen Holsteins um wirtschaftlichen Erfolg geht – als Züchter oder Milchproduzent – betreiben andere die Zucht als Hobby.

So wie Konny und Björn Müller aus Ober-Hörgern. Mutter und Sohn Müller sind mit zehn Schafen der Rasse Scottish Blackface angereist. Schafhaltung ist für Björn Müller Nebenerwerb und Hobby. Wenn es gut geht, kommt er null auf null raus, kann aus dem Verkauf der Lämmer und Böcke die Unkosten decken. Leben kann er davon nicht.

Auch Karl Wilhelm Becker ist Idealist. Er züchtet Rotes Höhenvieh, eine robuste Hausrindrasse, die knapp dem Aussterben entgangen ist. Die schönen, einfarbig rot- bis dunkelbraunen Tiere waren früher im Mittelgebirgsraum weit verbreitet und sollen bis auf die Kelten zurückgehen. Keine 1000 Tiere leben derzeit noch. Becker zeigt in Kursen und Vorführungen, wie die Tiere früher auch zum Arbeiten eingesetzt wurden – so auch gestern in Vilbel. Vom Erhalt des Genpools und der Schöpfung spricht Becker, fragt man ihn nach seinen Motiven. „Das ist wie bei einem Historiker“, so Becker.

Christian Allendörfer und Julia Trageser stehen für das andere Ende des Rinderzüchterkosmos. Beide sind Besitzer eines Vollerwerbsbauernhofes und haben 80 beziehungsweise 100 Milchkühe. Allendörfer aus Wehrheim hat letztes Jahr die schönste Kuh des Vilbeler Marktes mitgebracht, heuer tritt deren Tochter Marilyn im Wettbewerb an. In der Kuhdusche am nördlichen Eingang des Festplatzes putzt er seine Tiere. Julia Trageser hingegen hübscht mit Haarbürste und handelsüblichem Haarspray die Schwanzquasten der Kühe auf, bevor die in den Ring geführt werden. Dort scheint heuer der Hof Trageser aus Linsengericht die Nase vorn zu haben: Dessen Kühe liegen in zwei von drei Holstein-Wertungen vorn. Marilyn aber muss sich mit Platz 3 begnügen.

Achim Lohrey vom Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen bringt eine weitere Motivation für die Tierschau zur Sprache: „Es geht darum, der städtischen Bevölkerung Landwirtschaft nahezubringen.“ Wie wichtig das ist, merkt man an Gesprächen der Besucher. Etwa, wenn eine Mutter ihrem Kind erklärt, das sei keine Kuh, sondern ein Ochse, denn das Tier habe kein Euter. Letzteres stimmt, aber weil dort, wo sonst das Euter ist, zwei Kugeln schaukeln, kleiner, aber kaum übersehbar, ist es weder Kuh noch Ochse, sondern ein stattlicher Bulle.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen