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Bad Vilbel Keine Aufklärung von legalisiertem Raub

Eine gemischte Bilanz ziehen die Organisatoren der Ausstellung „Legalisierter Raub“. Einerseits lockten Ausstellung und Begleitprogramm insgesamt rund 3000 Besucher. Die Hilfe der Bürger bei der Suche nach den Juden entwendeten Gegenständen war aber weniger ergiebig.

Dass die Ausstellung „Legalisierter Raub“ in Bad Vilbel ein Möbelstück präsentieren konnte, das aus dem ehemaligen Eigentum einer Bad Vilbeler Familie stammt, ist einem einzigen Mann zu verdanken. Denn nur weil der Hobby-Historiker Stefan Kunz sich vehement dafür einsetzte, fand ein mehr als hundert Jahre alter Holzschrank den Weg ins alte Kurhaus. In den 1930er Jahren gehörte er der jüdischen Familie Grünebaum, die in der Frankfurter Straße wohnte. Die Initialen H.G. für Heinrich Grünebaum sind hineingeschnitzt.

Dass dieser Schrank in der Ausstellung stand, war für die Organisatoren von großer Bedeutung. „Es geht um den Symbolwert“, sagt Bettina Leder-Hindemith. „Denn es sagt uns: Diese Dinge sind hier – auch wenn sich niemand gemeldet hat.“

Dem Aufruf an die Bürger in Bad Vilbel und Karben, nach Gegenständen im eigenen Haushalt Ausschau zu halten, die möglicherweise mit der Enteignung der Juden im Dritten Reich zu tun haben könnte, war laut den Organisatoren nämlich niemand gefolgt.

In diesem Sinne war das Engagement von Kunz von essentiellem Wert, um die in Glasvitrinen präsentierten Lebens-Geschichten ein Stück greifbarer zu machen. Der Schrank wurde der Familie Grünebaum kraft des damals geltenden Gesetzes weggenommen. Ein Gerichtsvollzieher namens Lukas bot ihn 1939 einem Bekannten zum Kauf für 100 Reichsmark an. Der nahm das Schnäppchen an. Und so ist der Schrank heute Eigentum seiner inzwischen mehr als 80 Jahre alten Tochter, die in Bad Vilbels Innenstadt wohnt. Heinrich Grünebaum hingegen wurde später deportiert und kam 1942 im Konzentrationslager um.

Bad Vilbel sei einer der wenigen Orte, an denen es keine Resonanz auf die Aufrufe gegeben habe, berichtet Leder-Hindemith, die die Ausstellung seit Jahren für den Hessischen Rundfunk betreut. „Aber einer ist dran geblieben“, betont sie. Und fügt an: „Diese einzelnen Leute braucht man.“ Den Bad Vilbeler Kulturamtsleiter Claus Günter Kunzmann hingegen habe es nicht überrascht, dass es keinen Rücklauf gegeben habe, sagte er. Auch aus Aufrufen zu weniger sensiblen Themen sei das so. „Die Erinnerungskultur ist in einer Stadt, die sich so gravierend verändert, im Untergehen.“ Der Anteil der Alteingesessenen sei „verschwindend klein.“

Immer mal wieder sei es auch schon vorgekommen, dass sich nach Ausstellungsende noch Menschen bei ihr meldeten. „Gut Ding braucht manchmal Weile“, sagt sie. Die für die Bad Vilbeler Ausstellung neu erarbeiteten biografischen Fallbeispiele sind nun Teil der Ausstellung. „Am Anfang haben wir mit 15 Fallgeschichten angefangen, inzwischen sind es weit mehr als 100“, sagt sie. Besonders freue sie, wenn Schülerprojekte zustande kämen. Die selbstständige Arbeit der Geschichts-Schüler der Kurt-Schumacher-Schule habe einmal mehr gezeigt, dass junge Menschen oftmals ein großes Interesse an der Geschichte der Nazi-Diktatur hätten. „Es kommt darauf an, wie man es nahe bringt.“

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