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Bad Vilbel Der schlimmste Räuber war Ritter

Die Saison der Stadtrundgänge hat begonnen. Wer will kann bei der Nachtwächterführung die Stadtgeschichte erleben.

Nachtwächterführung
Foto: Monika Müller

Dass die Handlaterne trotz kaltem Kerzendocht einen fahlen Lichtschein aufs Trottoir wirft, ist der modernen LED-Lichttechnik zu verdanken. Ansonsten gibt sich der 69-jährige Eckhardt Riecher ziemlich authentisch in seinem schweren schwarzen Mantel und dem weiten Hut. In der Hand trägt er eine historische Hellebarde, deren scharfe Spitzen mit aufgesteckten Weinflaschenkorken geschützt sind. „Eine Hellebarde ist eine Allzweckwaffe, mit der kann man stechen, hauen und reißen“, wie Riescher dem knapp 20-köpfigen Publikum der Nachtwächterführung erklärt. Nachtwächter zählten zu den ehrlosen Personen einer Dorfgesellschaft, weil sie zumeist im Hauptberuf mit toten Tieren zu tun hatten.

Auf die Spuren von Gaunern und Halunken sollte es gehen, aber das war am Samstagabend ein schwieriges Unterfangen. Fast alle der mit Kreide an verschiedenen Stellen der Stadt gezeichneten Gaunerzinken hat der strömende Regen fortgewischt. Nur eines verbleibt an einem hinreichend geschützten Flecken, Kreis mit Doppelstrich. „Die Leute hier rufen die Polizei“, erläutert Riescher die Bedeutung des geheimen Zeichens, die selbst Diebe und Einbrecher der Neuzeit hin und wieder für ihre Kollegen hinterlassen sollen.

Auch wenn der Nachtwächter nicht zu den angesehenen Personen zählte, soll er gerade für das einstige Vilbel eine wichtige Bedeutung hinsichtlich der Sicherheit gehabt haben. Das Dorf zog sich entlang der Handelsstraße Friedberg - Frankfurt, auf der nicht nur ehrbare Kaufleute verkehrten. Und: „Vilbel war nicht von einer schützenden Mauer umgeben, die nächtliche Zugangsperre bestand nur aus zwei Schranken.“

Halunken nachstellen

Dass die Nachtwächter häufig Halunken nachstellen mussten, davon konnte Riescher jedoch nicht berichten. Seine historischen Kollegen waren offenbar mehr mit den Routineaufgaben beschäftigt: an den Haustüren rappeln, um zu prüfen, ob sie abgesperrt sind, oder jede volle Stunde in den Gassen laut auszurufen – von Dienstbeginn 21 Uhr bis in den Morgen um 3 Uhr.

Dem bekanntesten Gesetzesbrecher in Vilbel war ohnehin nicht mit einem Hellebarde bewehrten Nachtwächter beizukommen: Raubritter und Herr der Wasserburg Bechtram V. von Vilbel. Für die Nidda-Querung an der heutigen Rathausbrücke soll er saftige Zölle verlangt und zudem die „Pfeffersäcke aus Friedberg überfallen“ haben. Als Bechtram sich auch noch über die Handelsschiffe auf dem Main hermachte, soll das den Falkensteiner und Hanauer Grafen zu weit gegangen sein. Man schnappte Bechtram bei einer Tat auf dem Main und köpfte ihn noch in der gleichen Nacht nahe dem heutigen Kaiserleikreisel.

Nach Vilbel wurde ebenso der 1834 geheim gedruckte „ Hessische Landbote“ gebracht, um ihn von dort in der Wetterau zu verteilen. Georg Büchner ruft in dem Werk die Landbevölkerung zur Revolution auf. Genauer gesagt geschah die Verteilung in der Gaststätte „Zum goldenen Engel“ in der Frankfurter Straße, heute Fisch- und Käseladen. Nicht überliefert ist, ob die beiden Nachtwächter von dem umstürzlerischen Treiben in der Kneipe nichts wussten oder es wohlwollend ignorierten. Riescher schließt Letzteres nicht aus. „Nachtwächter waren relativ arme Leute, die vielleicht beim ,Landboten‘ wegschauten.“

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