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Bad Nauheim In der Dankeskirche sterben die Pfeifen

Die Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim sammelt Geld für eine neue Orgel. In zwei Stufen will sie für mehr als eine Million Euro eine neue Orgel anschaffen.

Orgel in der Dankeskirche
Kantor Frank Scheffler an der Walcker-Orgel auf der Nordempore. Foto: Rolf Oeser

In der evangelischen Dankeskirche in Bad Nauheim steht ein Prachtstück des Orgelbaus. Das gewaltige Instrument, eines der größten seiner Art in Hessen, beherrscht die Nordempore des evangelischen Gotteshauses im Herzen der Wetterauer Kurstadt. Etwa 3000 Pfeifen verstecken sich im Innern der 1906 erbauten Walcker-Orgel. Die größten von ihnen sind fünf Meter hoch. Gestiftet hatte sie Theodora Konitzky als Dank für die Genesung ihres Mannes, – ein wohlhabender Kurgast aus Antwerpen. Wie nur noch wenige Orgeln in Deutschland verfügt sie über ein sogenanntes Fernwerk, das sich unter dem Dach des Hauptschiffs befindet und für besonders atmosphärische Klänge sorgen kann. Als das Fernwerk 2011 nach mehreren Jahrzehnten außer Betrieb wieder erklang, nachdem es rekonstruiert worden war, hätten einige Menschen geweint, erzählt Kantor Frank Scheffler.

So ergriffen mancher von deren Klängen immer noch ist, so weit bleibt die Orgel hinter ihren ursprünglichen Möglichkeiten zurück. Mehr als die Hälfte der Pfeifen funktioniere nicht mehr, sagt Scheffler, der seit 1999 Organist in der Dankeskirche ist. Sie hängen oder sind kaputt. In anderen hat sich der Schimmel ausgebreitet. Nur 27 von 55 Registern lassen sich noch einstellen. „Und die Probleme nehmen zu“, sagt Hanna von Prosch vom Orgelbaukreis der evangelischen Kirchengemeinde Bad Nauheim.

Bisweilen offenbaren sich die in die Jahre gekommene Mechanik und Elektrik in ungünstigen Momenten. Im Gottesdienst an Heilig Abend 2016 gab die Orgel plötzlich einen Dauerton von sich. Ein ähnliches Malheur geschah während der Konfirmation 2017, als es auf einmal so klang, als sei der Kopf des Organisten auf die Tastatur geschlagen. Schon vorher war dem Kirchenvorstand klar, dass er solche Risiken nicht länger in Kauf nehmen wollte. Mitglieder des eigens eingerichteten Orgelbaukreises besichtigten Orgeln in allen Ecken Deutschlands. Im Mai 2017 entschied man sich für eine neue Orgel und gegen eine Sanierung, die als zu teuer verworfen wurde. Seit vergangenen Dezember läuft nun eine Spendenkampagne für den Neubau.

650.000 Euro sollen bis 2025 zusammenkommen – zunächst für eine „Basisversion“ mit 29 Registern. Anschließend soll diese für weitere gut 400 000 Euro ausgebaut werden. 81 000 Euro sind im zurückliegenden halben Jahr bereits eingegangen. Wer will, kann für 25 Euro eine Pfeifen- und für 5000 Euro eine Registerpatenschaft übernehmen.

1965 war die Orgel schon einmal in großem Stil repariert worden. Neue Pfeifen und Materialien kamen hinzu, andere nahm man heraus. Das Fernwerk entfiel ebenso wie die Organola-Walze, eine Einrichtung, um zuvor eingespielte Musik abzurufen.

Die Änderungen von damals sind hier und da noch zu erkennen. Sperrholz und Kunststoffe wurden verbaut. „Die Elektrik sieht aus wie eine Merklin-Eisenbahn von unten“, meint Volker Gräfe, Vorsitzender des Orgelbaukreises. Im Innern der Orgel ist kaum noch Platz. Organist Scheffler muss sich festhalten, abstützen und klettern, um einige Pfeifen zu erreichen. Hin und wieder ist auch leichte Akrobatik gefragt, an einige Röhren kommt er gar nicht mehr heran. „Zu viele Pfeifen auf engstem Raum“, erklärt der Kirchenmusiker. Manche Register dürfen, weil sie so ungünstig liegen, aus Sicherheitsgründen nicht mehr gestimmt werden.

Vor allem kann man die Änderungen von 1965 hören. „Die Pfeifen von 1906, das sind die runden, vollen und warm klingenden“, sagt Scheffler. „Die Bässe sind körperlich spürbar.“ Die jüngeren klingen frischer, manche fast schon schrill. „Eigentlich stehen dort zwei halbe Orgeln“, sagt Gräf. Die künftige Orgel wird diesen Zustand beenden. Sie soll auf alles eine Antwort haben: Bach, französische Komponisten und deutsche Romantik, aber auch moderne Stücke und Jazz.

Einen besseren Ort als die Dankeskirche in Bad Nauheim dürfte es dafür kaum geben, meint Gräf. „Der größte Schatz dieser Kirche ist diese wahnsinnig gute Akustik.“ Das bestätigt Kantor Scheffler – und er habe schon in vielen Kirchen, auch im Ausland, gespielt. „Die Echos sind Atmosphäre, aber verunklaren nicht“, erklärt der Musiker. „Die Akustik der Dankeskirche schönt auch das Schlechte.“ Welches Klangerlebnis wird dann wohl in einigen Jahren die neue Orgel den Zuhörern bescheren?

Die nächsten Orgelführungen von Kantor Frank Scheffler in der Dankeskirche sind am Sonntag, 20. Mai, um 11.30 Uhr und um 15 Uhr. Die Teilnahme ist kostenlose. Eine Spende für eine neue Orgel ist willkommen. Weitere Infos unter: www.orgel-dankeskirche.de.

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