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Bad Nauheim Große Sehnsucht nach dem King

US-Schlitten, Petticoats und natürlich jede Menge Livemusik: Vier Tage lang feiert Bad Nauheim das Elvis-Presley-Festival.

European Elvis-Festival
Wenn auch der Herr nur wenig Ähnlichkeit mit dem King besitzt: Die Damen und das Auto passen in seine Zeit. Foto: Rolf Oeser

Eine Bodenkachel, auf der vor knapp 60 Jahren einmal ein Pudel gesessen hat, lässt die Augen von Michael Knorr und Oskar Hentschel leuchten. Letzterer blättert gleich in einem Buch und deutet auf ein Schwarz-Weiß-Foto, das den historischen Moment vor dem Hotel Grunewald beweist. Es war nicht irgendein Pudel, sondern „Cherry“, den nicht irgendjemand, sondern Elvis Presley besaß. Und Hentschel und Knorr sollen just diese Kachel am Sonntag in ihre Sammlung in Gelsenkirchen aufnehmen können.

Die beiden und Andreas Schröer haben ob ihrer Leidenschaft nicht nur zwei respektable Bücher über den „King“ rausgebracht; das Trio hat seit 25 Jahren auch das silbergraue Seidenhemd mit rotem Kragen in seinem Besitz, das die Jugendzeitschrift „Bravo“ 1959 verloste. Elvis trug es für ein Fotoshooting. „Der Gewinner war kein Fan und brauchte das Geld, um das Dach seines Hauses zu reparieren“, sagt Hentschel. Die Kachel, auf der „Cherry“ Sitz gemacht haben soll, soll laut Knorr weniger kosten als eine Dachreparatur. Alles soll demnächst im Rock- und Pop-Museum im nordrhein-westfälischen Gronau zu sehen sein.

Vier Tage bis Sonntagabend lag Bad Nauheim im Elvis-Fieber. Es war das 17. European Elvis-Festival. Vorab verkündeten es Plakate und die Schaufenster einiger Läden. In einem hängt eine Zeitungsseite, Titel: „Elvis lebt!“.

Wer will das an den Festivaltagen bezweifeln? Das Hotel Dolce, einen Steinwurf von da entfernt, wo „Cherry“ Sitz machte, bildet den Mittelpunkt des Geschehens. Wer noch nichts Passendes zum Anziehen hatte, konnte sich dort die Klamotten nach Art der 50er Jahre von der Stange kaufen, vor allem Kleider und bis Damengröße 48. „Ich beziehe sie aus den USA, neu und secondhand“, sagt die Verkäuferin unterkühlt. Vermutlich jemand, die nur wegen des Geschäfts und nicht wegen Elvis gekommen ist.

Anders bei den drei Frauen um die 30 im Petticoatkleid und mit Kunstblumen im Haar: „Die Filme und seine Rockabilly-Zeit begeistern uns“, sagt Janina. Sie posen vor einem weiß-rosa-farbenen Ami-Schlitten und „schießen“ ein Selfie zu dritt. Unter dem Platanenhain des Hotels sind gut zwei Dutzend Straßenkreuzer aus den 50er und 60er Jahren zur Parade aufgereiht. Das müsse so bei einem Elvis-Festival sein, war zu hören. Die Autos riechen noch nach Auto, nach Benzin und Öl. Von der gegenüberliegenden Seite weht der Wind die Songs des King of Rock’n’Roll herüber. Eine Combo spielt auf akustischen Instrumenten samt Sänger in der Konzertmuschel mit ansteckendem Rhythmus.

Bad Nauheims Anspruch, als Wallfahrtsort für Elvis-Anhänger zu gelten, ergibt sich aus dem Militärdienst des Sängers von November 1958 bis März 1960. Presley war in den Ray Barracks in Friedberg stationiert. Nach fünf Nächten dort zog er in die benachbarte, mondäne Kurstadt Bad Nauheim, unter anderem wohnte er im Grunewald. Für Meike Berger und Angela Storm ist es daher umso unverständlicher, dass in der Stadt keine Elvis-Statue steht. „Überall auf der Welt, wo wir wegen Elvis waren, war eine Skulptur zu sehen“, sagen Berger, die in Bochum wohnt, und ihre Freundin aus Lübeck. Auch in Friedberg steht eine überlebensgroße Figur des vor 41 Jahren verstorbenen King, aus einer Cortenstahlplatte geschnitten, auf einem Kreisverkehr an den ehemaligen Ray Barracks – nicht aber in Bad Nauheim.

Berger und Storm haben das Festival genutzt, um eine Initiative für eine Bronzeplastik in Bad Nauheim anzustoßen und dabei gleich mit einer großen Geldbüchse zu sammeln. Wie das Denkmal aussehen und wo es stehen soll, ist den beiden auch schon klar: Im April 1959 ließ sich Elvis in Uniform auf der Usa-Brücke lässig am Geländer lehnend ablichten. Dieser Augenblick soll nun in Bronze verewigt werden. Die beiden haben bei einer Münchener Gießerei bereits ein Angebot eingeholt. Rund 20 000 Euro würde der Auftrag kosten. Mit dem beim Festival gesammelten Geld soll der Entwurf bezahlt werden, sagt Berger.

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