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Aus Nachbarn wurden Täter

Karben Dokumentation im Bürgerzentrum über Judenverfolgung soll erinnern und mahnen

12.11.2008 00:11
MONICA BIELESCH

Wir wollen gedenken und mahnen." Hartmut Polzer von der Initiative Stolpersteine eröffnete mit diesen Worten am Montag eine Dokumentation mit dem Titel "Vor 70 Jahren - Pogrom in Karben".

"Wir wollen vor allem die Jugend mahnen", betonte Polzer im Gespräch mit der FR. Für die Ausstellung haben er und seine Lebensgefährtin Irma Mattner monatelang alte Prozessakten im Hessischen Staatsarchiv in Darmstadt gewälzt. Das Ergebnis ist nun bis zum 21. November im Foyer des Bürgerzentrums zu sehen.

Anhand der Akten ist es Polzer und Mattner gelungen, erstmals die Ereignisse vor 70 Jahren in Karben im Detail zu rekonstruieren. Was im Geschichtsbuch abstrakt und fern klingt, wird in den abgedruckten Fotos und Texten an den blauen Schautafeln zu lebendigen Menschen, zu konkreten Schicksalen und greifbarem Leid.

Polzer erinnerte daran, dass fast genau vor 70 Jahren die jüdischen Einwohner von Groß-Karben von den eigenen Nachbarn in Angst und Schrecken versetzt wurden. "Es war ein Klirren, Schreien und Johlen in der Bahnhofstraße, so ein Zeitzeuge", referierte Polzer. Zuerst wurde die Viehscheune an der Kreuzgasse beim Brunnen in Brand gesteckt, dann gegen 21 Uhr die Synagoge zuerst ausgeraubt und dann angezündet. Geschäfte und Häuser der Juden wurden geplündert und verwüstet.

Die jüdischen Männer wurden vom SA-Sturm Okarben in so genannte "Schutzhaft" genommen und zuerst im Spritzenhaus mit Peitschen geschlagen, danach im Degenfeldschen Schloss festgehalten und zwei Tage nach dem Pogrom ins Konzentrationslager nach Buchenwald gebracht. Von den rund 100 jüdischen Mitbürgern, die vor 1933 in Groß-Karben wohnten, überlebten nur zwei die Schrecken der Nazi-Herrschaft.

Die Ausstellung zeigt mit alten Fotos von Herbert Diez aus Karben auch das einträchtige Leben im Dorf vor 1933: mit Turnfesten, Sportfesten und Fußballmannschaften. Umso erschreckender die späteren Verbrechen gegen die Juden. Der jüdische Bürger Max Grünebaum wird zitiert: "In meinem Rendel passiert mir nichts." Wie sehr nicht nur er sich irrte, zeigt eine beklemmende Tabelle: Sie führt alle damaligen jüdischen Karbener Bürger auf und nennt das KZ, in dem sie ums Leben kamen. Auch über die Kindertransporte in die Schweiz berichtet die Ausstellung - nur ein kleines Mädchen aus Karben konnte dadurch gerettet werden.

Namen von Tätern nennt die Ausstellung nicht, lediglich der Bürgermeister von Groß-Karben als historische Person wird benannt. Und Polzer betont, es gehe den Ausstellungsmachern nicht um Verurteilung, sondern um Erinnern und Mahnen. "Unsere Arbeit ist ein Beitrag zur Aufarbeitung unserer Heimatgeschichte", so Polzer. Damit auch in der heutigen Zeit die Anfänge menschenverachtender Entwicklungen gesehen und bekämpft würden.

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