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Wilhelmsplatz Keine Meldepflicht für alte Gräber

Ende November gehen die Bauarbeiten am Wilhelmsplatz weiter. Die Verantwortlichen erwarten dabei weitere Funde menschlicher Überreste. Von Madeleine Reckmann

Neues Pflaster bedeckt die Garbstätten auf dem Wilhelmsplatz. Foto: FR/Boeckheler

Wenn die Bauarbeiter vom 30. November an auf dem südlichen Teil des Wilhelmsplatzes zwei Meter tief graben, um Abwasserrohre zu verlegen, könnte es wieder passieren: Dass Knochen zutage treten, menschliche Überreste, Särge oder Grüfte. Wie bei den Bauarbeiten im nördlichen Teil des Platzes Mitte Oktober , als Arbeiter auf Grüfte der Familie Taets van Amerongen stießen. Dort, wo heute der Wilhelmsplatz liegt, gab es bis ins 19. Jahrhundert einen Friedhof. Im Dezember 1832 wurde der letzte Mensch bestattet, 1864 der Friedhof umgewidmet. Zurzeit wird der Wilhelmsplatz umgestaltet.

Die Gebeine der Agatha Baroness Taets van Amerongen, die vermutlich 1807 sechzehnjährig starb, und ihrer Eltern Joost (1761 -1817) und Susanna Arnoldina (1763-1826) wurden aus ihren gemauerten Grabstätten geholt, pietätvoll in Kisten gepackt und auf dem alten Friedhof beerdigt. Die leeren Grüfte verschwanden unter der neuen Pflasterung. Die Arbeiten mussten voranschreiten, der Platz rasch fertig werden. Hätte man anders verfahren können?

Die Grüfte sind nicht zerstört

"Es gibt keine Meldepflicht für derartige Funde", sagt Helmut Reinhardt, Leiter der Unteren Denkmalschutzbehörde. Bei römischen Besiedelungsspuren oder einem Schatz wäre das etwas anderes. Dann hätte er das Landesamt für Denkmalpflege eingeschaltet und die Arbeit hätte eingestellt werden müssen, um die Forscher auf das Gelände zu lassen. Aber 180 Jahre alte Gräber? Die gebe es um jede mittelalterliche Kirche. Außerdem: Die Denkmäler, also die Grüfte, wurden nicht zerstört; ihre Lage ist jetzt bekannt. "Wollte man graben, könnte man", sagt Reinhardt.

Anders sieht das der ehemalige Stadtarchivar Hans-Georg Ruppel. Ihn treibt der Wissensdrang. "Aus stadthistorischer Sicht wäre es interessant und sinnvoll gewesen, die Ausdehnung des ehemaligen Friedhofs festzustellen", sagt er auf Nachfrage der Frankfurter Rundschau. Der erstreckte sich nämlich nicht über den gesamten Wilhelmsplatz. "Dazu hätte zu Dokumentationszwecken an mehreren Stellen gegraben werden müssen, um zu schauen, was drin ist." Es könnten noch Grabdokumente im Boden sein, etwa zur Verfüllung benutzte Grabsteine. Nicht alle Toten seien auf den heutigen Alten Friedhof überführt worden, wie dies von Geheimrat Friedrich von Metzler (1825 gestorben) bekannt ist. Gabriele Schreiber, für die städtischen Friedhöfe verantwortlich, wünscht sich, dass die Arbeiter die Erde vorsichtig ausschachten, um Grabplatten nicht zu zerstören. "Sie sind der einzige Hinweis auf die Identität der Toten", sagt sie.

Aus christlicher Sicht gibt es keine Bedenken dagegen, den früheren Friedhof zu überbauen und die Gebeine im Boden zu lassen. "Für Christen sind die Menschen nun erlöst und leben im ewigen Leben bei Gott. Die sterblichen Reste werden zu Erde", erklärt die evangelische Dekanin Eva Reiß. Bei den Funden auf dem Wilhelmsplatz seien Geistliche informiert worden, um sich vom respektvollen Umgang mit den Gebeinen zu überzeugen.

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