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Tu?çe A. Still und würdevoll

Hunderte Menschen gedenken bei einer Trauerfeier der bei einer Prügel-Attacke tödlich verletzten Studentin Tu?çe A.. Ihre Beisetzung wird zu einem internationalen Medienereignis. Ihr Tod hat über die Grenzen Deutschlands hinaus Wellen geschlagen.

Das Grab der getöteten Studentin Tu?çe Albayrak auf dem Friedhof in Bad Soden-Salmünster ist mit Blumen geschmückt. Foto: Boris Roessler/dpa

Der junge Mann in der neongelben Warnweste ist höflich aber bestimmt. „Sie wissen doch, dass die Familie darum gebeten hat, dass an der Moschee keine Pressefragen beantwortet werden“, sagt er zu einem Hörfunkreporter. Der Mann mit dem Mikrofon blickt erst etwas verwundert drein, nickt dann aber zustimmend und verlässt den Hof der Wächtersbacher Ditib-Moschee ohne Murren. Die meisten seiner 200 Kollegen haben an diesem Mittwochvormittag auf einer Brücke oberhalb des Hofes Position bezogen. Die Beisetzung von Tu?çe Albayrak wird zu einem internationalen Medienereignis. Die BBC hat ein Team geschickt, die türkischen Medien sowieso. Alle wollen festhalten, wie Tausende – so lautete im Vorfeld die Prognose – Abschied nehmen von der Studentin. Doch statt auf Menschenmassen, auf die vor allem die Kamerateams hoffen, stoßen die Medienvertreter zunächst nur auf eines: Schweigen.

Der Tod Tu?çe Albayraks hat längst über die Grenzen Deutschlands hinaus Wellen geschlagen. Die 22-Jährige war vor etwas mehr als zwei Wochen von einem mehrfach vorbestraften 18-Jährigen auf dem Parkplatz eines Schnellrestaurants in Offenbach niedergeschlagen worden und ins Koma gefallen. Zuvor hatte sie versucht zwei Mädchen beizustehen, die auf der Toilette des Restaurants von einer Gruppe junger Männer um den späteren Täter belästigt worden war. Elf Tage später wurde Tu?çe für Hirntod erklärt. An ihrem 23. Geburtstag, an dem die lebenserhaltenden Maßnahmen eingestellt wurden, hielten knapp 2500 Menschen vor dem Sana-Klinikum in Offenbach eine Mahnwache für sie ab.

Der Ort, an dem Tu?çe die letzte Ehre erwiesen werden soll, wirkt auf den ersten Blick wenig angemessen. Im grauen Industriegebiet von Wächtersbach, ist die weiß-gelb gestrichene Ditib-Moschee einer der wenigen Farbtupfer, eingeklemmt zwischen S-Bahn-Gleisen und einer Filiale der Möbelhauskette Dänisches Bettenlager. Der Platz vor der Moschee, auf den all die Kameras gerichtet sind, könnte sicher 2000 Menschen aufnehmen, wenn es sein müsste. Er bleibt bis zum Mittag größtenteils leer, auch weil viele Besucher an diesem eisigen Dezembertag Wärme und Trost im Gotteshaus suchen.

Stille ein unerwarteter Kontrast

Erst als der Imam das Mittagsgebet anstimmt, beginnt sich der Platz zu füllen. Die melodisch vorgetragenen, arabischen Worte scheinen die Menschen förmlich anzuziehen. Viele von ihnen tragen Tu?çe ausgedrucktes Portrait an der Brust. Auch Vertreter der Politik treffen ein: Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier, der Oberbürgermeister von Offenbach Horst Schneider, der Landrat des Main-Kinzig-Kreises Erich Pipa. Sie nehmen ihren Platz ein unter den rund 1200 Menschen, die ihre Blicke auf den einfachen grauen Marmortisch richten, auf dem der Sarg mit Tu?çe Leichnam aufgebahrt werden soll.

Trotz der relativ großen Menschenmenge bleibt es auf dem Platz still. Vielleicht weil in den vergangenen beiden Wochen schon so viel über Tu?çe Albayrak gesagt worden ist. Ein „Beispiel für Zivilcourage“ nannten sie viele, andere sprachen von einem „Vorbild“ und wieder andere gleich von einem „Engel“. Mut, Trauer, Gewalt, Wut, die Liste der Themen und Emotionen, die durch den Austausch Hunderttausender in sozialen Netzwerken immer wieder gespiegelt und verstärkt werden, ließe sich fortsetzen. Sie alle sind in diesen Tagen an den Namen Tu?çe Albayraks gekoppelt. Die Stille bei der Gedenkfeier ist da ein unerwarteter Kontrast. Doch gerade dadurch rückt wieder in den Mittelpunkt, worum es an diesem Tag geht: Die Person und nicht das Symbol.

Als ein silbergrauer Kombi mit dem Logo der Ditib-Gemeinde vorfährt, ist erstmals Schluchzen in der ansonsten meist schweigenden Menge zu vernehmen. Den dunkelbraunen Holzsarg schmücken eine grüne Fahne und ein weißer Schleier. Der Imam hält eine kurze Ansprache. „Unser Prophet Mohammed sagte: Begeht Taten die wertvoll sind!“, heißt es darin. Dann folgt das ebenso kurze Totengebet. Das islamische Trauerritual ist eine ausgesprochen nüchterne Angelegenheit. Und es ist eben diese Nüchternheit, die der ganzen Veranstaltung Würde verleiht. Trotz der grauen Umgebung, trotz des Medienauftriebs.

Als der Sarg wieder verladen wird, bewegt sich die murmelnde Trauergemeinde zu den Autos und den bereitstehenden Bussen. Einige Hundert werden nach Bad Soden-Salmünster fahren, um der Bestattung beizuwohnen. Dort liegt ein kleiner Friedhof, inmitten einer ruhigen Wohngegend. Tu?çe ist im Ort geboren und aufgewachsen, ihre Eltern leben immer noch hier.

Die Beisetzung nach islamischem Ritus findet auf Wunsch der Familie ohne Medienvertreter statt. In gebührendem Abstand begleiten die Trauergäste die Zeremonie. Draußen vor dem Tor stehen sich Journalisten die Beine in den Bauch und warten auf jemanden, der ihnen die oft beantworteten Fragen zu Tu?çe Albayrak noch einmal beantwortet: Was die große Anteilnahme auslöse? Was die Menschen an diesem Fall so bewegt? Offenbachs Oberbürgermeister Schneider, sieht in Aufmerksamkeit und Trauer ein Zeichen für „ein friedliches Zusammenleben“. Ministerpräsident Bouffier verlässt die Bestattung ohne Kommentar. Vielleicht weil schon alles gesagt worden ist, was zählt. Außer der einen Sache: Tu?çe ist gegangen – in Stille und Würde.

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