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Siemens in Offenbach Siemens-Mitarbeiter bangen um ihren Job

Die Stimmung bei Siemens in Offenbach ist auch nach der Einigung extrem angespannt. Viele Mitarbeiter wissen nicht, ob sie ihren Job behalten oder verlieren werden.

Siemens am Kaiserlei
Mehr Vergangenheit als Zukunft: das Siemens-Logo auf dem Firmensitz am Kaiserlei. Foto: Renate Hoyer

Seit zehn Monaten leben die Offenbacher Siemens-Beschäftigen mit der Ungewissheit, wer bleiben darf und wer gehen muss. Auch die Einigung der Konzernführung mit dem Gesamtbetriebsrat, über die am Dienstag in einer Mitarbeiterversammlung informiert wurde, schaffte keine Klarheit. Zwar steht nach Angaben des Betriebsratsvorsitzenden Matthias Tiessen fest, dass 423 von derzeit noch rund 750 Beschäftigten ihren Job behalten.

Vom Tisch sei auch die Verlagerung von Arbeitsplätzen nach Erlangen, um dort die Gas-Kraftwerkssparte zu bündeln. Die Mitarbeiter mit Jobgarantie sollen als Einheit erhalten bleiben und in einem neuen Domizil im Raum Frankfurt ihren bisherigen Geschäften nachgehen.

Das klingt, zumindest gemessen an den im November 2017 verkündeten Plänen für Massenentlassungen und Schließung des Offenbacher Werks, positiv. Dennoch liegen auch nach der gestrigen Informationsveranstaltung bei vielen Beschäftigten die Nerven blank. Denn die meisten wissen immer noch nicht, ob sie ihren Job behalten oder verlieren werden. Zwar haben einige Mitarbeiter schon ein Angebot zur Weiterbeschäftigung erhalten. Aber der größere Teil , so Tiessen, sei weiter im Unklaren über seine berufliche Zukunft bei Siemens.

Er schätzt, dass sich die Gespräche noch bis in den November hinziehen könnten. Der Betriebsratsvorsitzende spricht von einer „enormen Verunsicherung“ in der Belegschaft. Es fehle die Klarheit, und es würden von der Firma auch keine Perspektiven aufgezeigt. „Das belastet die Beschäftigten enorm. Es geht doch um Existenzen.“ Die Stimmung beschreibt er als sehr schlecht und extrem angespannt.

Eine Mitarbeiterin berichtet ebenfalls von gewaltigen Spannungen in der Firma. Viele Kollegen hielten dem Druck kaum stand, hätten Heulkrämpfe und Ängste. Zudem sei die Arbeit belastend hoch, es gebe viele Überstunden.

Susanne Palluch, seit fast neun Jahren bei Siemens in Offenbach als Rohrleitungsplanerin tätig und im Betriebsrat engagiert, hat diese „wahnsinnige Unsicherheit“ nicht mehr ausgehalten und für sich die Konsequenz gezogen.. Sie wird die Firma verlassen. „Mir geht es jetzt besser als vor der Entscheidung“, sagt die 43-Jährige.

Die Stimmung in der anderthalbstündigen Mitarbeiterversammlung beschreibt eine Mitarbeiterin als „schweigsam hinnehmend“, Tiessen als „recht gefasst“. Das liegt seiner Einschätzung nach daran, dass fast alle noch Hoffnung auf Weiterbeschäftigung hätten. Er rechnet mit emotionalen Reaktionen, wenn feststehe, wer keine Zukunft mehr bei Siemens hat.

Das wird rund 330 Leute betreffen, und nicht 370, wie Siemens-Personalchefin Janina Kugel am Montag gesagt hatte. Tiessen zufolge bezieht sich die höhere Zahl auf den Personalstand vom Vorjahr. Inzwischen hätten etliche Kollegen die Firma verlassen, dies werde angerechnet.

Tiessen erinnerte gestern daran, dass Siemens ursprünglich den Standort Offenbach komplett schließen und 250 Mitarbeiter an andere Standorte versetzen wollte. Mehr als 500 Arbeitsplätze standen damals zur Disposition. Lediglich 37 Arbeitsplätze sollten in der Region bleiben. „Daraus sind jetzt 423 geworden“, sagte er. Nach seinen Worten haben sich die Konditionen für den Sozialplan „spürbar“ verbessert.

Betriebsbedingte Kündigungen werde es nicht geben, sagte Tiessen. Das sei im Beschäftigungsabkommen „Radolfzell“ mit dem Management vereinbart worden. Der Stellenabbau solle bis Ende September 2020 mit Altersteilzeit, Abfindungen und Transfergesellschaften gelingen, in denen Betroffene bis zu zwei Jahre unterkommen könnten. Außerdem sollen Beschäftigten Angebote für andere Siemens-Standorte gemacht werden. Und sie sollen aktiv bei der Suche nach einem neuen Job unterstützt werden.

Die IG-Metall-Bevollmächtigte Marita Weber nannte die Einigung angesichts der Ausgangslage, als es keine Perspektive für die Gas-Kraftwerkssparte im Raum Frankfurt gegeben habe, positiv. IHK-Sprecher Klaus Linke sagte, „wir sind froh, dass der größere Teil der Siemens-Beschäftigten bleibt“. Die Aussichten für diejenigen, die die Firma verlassen müssten, seien sehr gut. Es handle sich um Fachkräfte, und die seien gefragt. Nach seinen Angaben fehlen in Stadt und Kreis Offenbach 10 000 Fachkräfte.

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