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Schulen in Offenbach Schüler aller Religionen lernen gemeinsam

An der Theodor-Heuss-Schule in Offenbach gibt es seit zehn Jahren gemeinsamen Religionsunterricht. Debatten unter den Schülern mit unterschiedlichen Religionen sind erwünscht.

Schule in Offenbach
Unterricht im Team: Yunus Demir, Burkhard Rosskothen, Carolin Winter (v. li.) und Simone Petzoldt (nicht im Bild). Rechts: Horst Schad. Foto: Rolf Oeser

Was haben Jesus, Mohammed und Habermas gemeinsam? Sie alle sind Bestandteil des Religions- und Ethikunterrichts der elften Klassen an der Theodor-Heuss-Schule (THS) auf dem Offenbacher Buchhügel. Katholische und evangelische Christen lernen hier gemeinsam mit schiitischen und sunnitischen Muslimen, Atheisten und Juden. 

„Die Schüler kommen hier in einen grundsätzlichen Dialog miteinander – ohne dabei ihre Positionen aufzugeben“, erklärt die evangelische Pfarrerin Carolin Winter, die das Modellprojekt vor zehn Jahren ins Leben gerufen hat. Die 57-Jährige ist Teil eines vierköpfigen Teams aus christlichen Religions- und Ethik-Lehrkräften, die sich beim Unterricht der elften Klassen an dem beruflichen Gymnasium abwechseln und in engem Kontakt miteinander stehen. Damit auch die vielen Muslime an der THS dabei eine eigene Ansprechperson haben, hat eine der Ethiklehrkräfte einen Islam-Schwerpunkt.

Teil des Unterrichts ist auch das Judentum: Auch wenn nur sehr wenige jüdische Schüler die THS besuchten, arbeite man eng mit der Jüdischen Gemeinde in Offenbach zusammen, um einen Dialog auch mit dieser Religion zu ermöglichen, erzählt der katholische Religionslehrer des Teams, Burkhard Rosskothen: „Es gibt mindestens einen Termin in der Synagoge pro Schuljahr.“

„Wir sehen Vielfalt nicht als Problem, sondern als Ressource, die wir fördern können“, sagt Pfarrerin Winter. Auf die Frage, ob es im gemeinsamen Unterricht nicht oft heiß hergehe, antwortet Rosskothen, Debatten seien erwünscht. Im Idealfall verlasse man dabei nämlich die Schülerrolle und berichte von eigenen Erlebnissen. Die Lehrkräfte böten einen „Rahmen“ und stellten sicher, dass eine „qualifizierte Auseinandersetzung“ geführt wird. 

Der Vorteil: Halbwissen und Vorurteilen werde zum einen mit Fakten und Erklärungen begegnet, zum anderen aber auch mit den persönlichen Eindrücken der Mitschüler. Damit dieses „dialogische Lernen“ funktionieren kann, gibt es aber ein paar Regeln. Dazu zählt laut Winter, dass „kein Ranking“ der Weltanschauungen erlaubt sei und dass es einen „Safe Space“ gebe. Das heißt: „Wenn sich jemand persönlich öffnet, dann darf das nicht bewertet oder kommentiert werden.“

„Bundesweit einzigartig“

Noch immer gibt es kaum Schulen, die gemeinsamen Religions- und Ethikunterricht anbieten. Von einem „bundesweit einzigartigen Modell“ an der THS spricht gar Carolin Winter. Ohne die Unterstützung des damaligen Schulleiters Heinrich Kößler würde es das mehrfach preisgekrönte Bildungsprojekt auch hier nicht geben, ist sie sich aber sicher. Und wenn die Schule „um Erlaubnis gefragt hätte“, würde das Projekt ebenfalls nicht existieren. Auch funktioniere das Konzept, das viel Abstimmung brauche, nur, weil die Lehrkräfte sich besonders engagierten, sagt der heutige Schulleiter Horst Schad: „Mit einer Beamtenmentalität funktioniert das nicht.“ Klar ist aber auch: Wenn etwa ein katholischer Schüler einen komplett eigenen Religionsunterricht einfordern würde, dann „müsste die Schule eine Lösung dafür finden“, so Schad.

Der Schulleiter hat sich nach Jahren im Odenwald für Offenbach als nächsten Arbeitsort entschieden, weil ihn das Multikulturelle reizt. Er glaubt, dass viele Konflikte nicht existieren würden, wenn man überall so in den Dialog treten würde wie die Elftklässler auf dem Offenbacher Buchhügel. „Wenn Verständnis aufgebaut wird, nimmt das Konfliktpotenzial ab“, sagt Schad. Das bestätigt eine Schülerin, die in einer schulinternen Umfrage geschrieben hat: „Seit diesem Unterricht ist die Klasse enger zusammengewachsen und erzählt sich alles.“ Schad hofft, dass weitere Schulen den Schritt machen und einen solch übergreifenden Religionsunterricht anbieten.

Die 19-jährige Saira Butt würde es schon freuen, wenn es den Unterricht nach dem Motto „Verschiedenheit achten – Gemeinschaft stärken“ auch in Klasse 12 geben würde. Dort greift aber das Zentralabitur – und es wird wieder getrennt unterrichtet.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Schulen in Hessen

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