Lade Inhalte...

Reden wir über Offenbach „Wir lehren Kinder Selbstvertrauen“

In den USA nannte man sie „The German Tank“. Sheila Gaff gehört zu Deutschlands bekanntesten Mixed Martial Arts-Sportlerinnen. Seit Januar betreibt sie eine Schule in Offenbach. Im Interview spricht sie über die Unterschied zum Straßenkampf und über gute Gründe, Kindern das Kämpfen beizubringen.

Sheila Gaff, Mixed-Martial-Arts-Fighterin, betreibt eine Kampfschule für Kinder in Offenbach. Foto: Sascha Rheker

Frau Gaff, wenn man sich ihre Kämpfe anschaut oder auch andere Mixed-Martial-Arts-Duelle, sieht das oft wie eine ordinäre Straßenschlägerei aus. Täuscht der Eindruck?

Der Straßenkampf kennt keine Regeln. Im Mixed Martial Arts gibt es hingegen ziemlich strenge Regeln. So umfasst das "Buch der Fouls" viele Seiten. In Kurzform kann man sagen, dass alles, was schwere gesundheitliche Schäden hervorruft, streng verboten ist. Angriffe auf Genitalien, Wirbelsäule oder Hinterkopf zum Beispiel. Zudem ist es auch streng untersagt, sich seinem Gegner gegenüber respektlos zu verhalten. Wer das missachtet, wird in keiner seriösen Organisation einen Platz finden. Was Kritiker oft als straßenkampfähnlich bezeichnen, ist der Bodenkampf und das Schläge auf einen unten liegenden Gegner erlaubt sind. Der Bodenkampf ist aber eine äußerst technische Sache, die viele Jahre hartes Training erfordert. Schläge am Boden haben aufgrund der kurzen Distanz meist keine große Wirkung und sind oft nur dazu gedacht, eine Lücke beim Gegner zu schaffen, um ihn zur Aufgabe zu zwingen. MMA ist alles andere als Straßenkampf.

Trotzdem sieht es rabiater aus als andere Kampfsportarten. Alles wirkt überfallartig. Es sind relativ kurze, schnelle Kämpfe.

Manche sind schnell, andere weniger schnell. Wenn der Kampf im Stand stattfindet, dauern die Kämpfe meist etwas länger, so wie in anderen Kampfsportarten auch. Der einzige Unterschied ist der Tap oder das Abklopfen, was die Aufgabe signalisiert. Das wird meist dann gemacht, wenn man sich in einer ausweglosen Situation, einem Hebel oder einer Würgetechnik befindet. Das kann manchmal schon schnell gehen. Aber generell muss man sich auf einen drei mal fünf bis fünf mal fünf Minuten Kampf einstellen, was wohl keineswegs kurz ist.

Sie haben schon vom Training gesprochen. Was zeichnet das MMA-Training aus?

Das Besondere ist, dass es sehr vielseitig ist. Damit hältst du deinen ganzen Körper fit. Es gibt viele verschiedene Elemente, so wird es auch nie langweilig. Wir machen das hier in unserer Schule so, dass wir das Training in verschiedene Disziplinen splitten. Zum Beispiel: Ringen, Thai-Boxen und Bodentraining. Du trainierst wirklich jeden Aspekt aus dem waffenlosen Kampfsport.

MMA ist ja eigentlich erst in den letzten Jahren populär geworden. Sie machen das aber schon eine ganze Weile...

Ich habe mit 13 bei meinem Trainer Andre Balschmieter angefangen, bei dem ich immer noch Schülerin bin. Begonnen hat es mit meinen Eltern. Die haben Karate gemacht. Ich hatte eine Menge überschüssige Energie, die raus musste. Also haben sie mich irgendwann mitgenommen zur Probestunde im MMA, und ich fand es toll, dass es so abwechslungsreich ist. Mein Trainer hat nach etwa drei Jahren gesehen und erkannt, dass ich Potenzial habe. Also hat er mich gefragt, ob ich einen Kampf machen will. Ich habe Ja gesagt und nachdem ich diesen für mich entscheiden konnte, wollte ich immer weitermachen.

Waren Sie damals das einzige Mädchen beim MMA?

Da waren noch zwei andere dabei, aber die meisten waren Männer. Mittlerweile sind wir hier bei uns so weit, dass die Hälfte unserer Mitglieder Frauen sind.

Sie haben im MMA ziemlich schnell Karriere gemacht. Letztes Jahr wurden Sie sogar in die US-amerikanische Ultimate-Fighting-Championship unter Vertrag genommen. Ihr Kampfname war „The German Tank“, der deutsche Panzer. Wie hat Ihnen dieser Spitzname gefallen?

Ich habe ihn mir ja nicht selber gegeben, aber ich fand ihn auch nicht schlimm.

Würden Sie sagen, er passt?

Ab und zu. Ich gehe schon gerne nach vorne und überrolle sozusagen die Gegner.

Lesen Sie weiter auf der nächsten Seite.

Lange hielt das Karrierehoch in den USA aber nicht an. Nach zwei Kämpfen war Schluss…

Ich habe zwei Kämpfe verloren, dann bin ich aus der Liga wieder raus. Jetzt gucken wir eben, dass ich woanders kämpfen kann.

Wo?

Ich peile an, bei Invicta zu kämpfen, einer amerikanischen MMA-Organisation für Frauen. Ich hoffe, dass ich da unter Vertrag genommen werde. Ich denke, meine Chancen sind gut. In der UFC habe ich in der Gewichtsklasse bis 63 Kilo gekämpft. Inzwischen kämpfe ich wieder mit 57 Kilo. Das ist die Gewichtsklasse, in der ich mich wohl fühle.

Sie bieten in Ihrer Kampfschule auch Kurse für Kinder an. Wie erklären Sie Eltern, warum ihre Kinder MMA trainieren sollten?
Ich erzähle dann, dass es, wie gesagt, sehr vielseitig ist. Und dadurch den Kindern auch nicht so schnell langweilig wird. Wir arbeiten ja auch mit einem Gürtelsystem, in dem man jeden Monat aufsteigen kann. So haben die Kinder regelmäßig Erfolgserlebnisse. Und natürlich lernen die Kinder, sich zu verteidigen. Vor allem, wenn sie am Boden sind, jemand auf ihnen draufsitzt zum Beispiel. Oder wie wehre ich mich, wenn mich jemand klammert. Solche Geschichten. Wie kommt man raus. Das ist das Tolle, dass man immer weiß, wie man sich verteidigen kann.

Kommen die Kinder denn mit dem Wunsch zu ihnen, sich verteidigen zu lernen?

Die meisten Kinder denken gar nicht so weit. Sie kommen, weil sie Spaß haben wollen. Für die Eltern ist es oft wichtig, dass sich die Kinder verteidigen können.

Jetzt könnte man einwenden, dass es vielleicht nicht die klügste Idee ist, Kindern beizubringen, wie sie möglichst effektiv zuschlagen…

Naja, das lernen sie bei uns ja nicht. Viele Kinder, die herkommen, sind zum Beispiel einfach hyperaktiv und lernen hier, ruhiger zu werden. Auf unserem Lehrplan stehen ja Themen wie Disziplin, Mut, Durchhaltevermögen. Wenn sie Prüfungen ablegen, bekommen sie Urkunden. Da steht auch drauf, dass sie diese Prinzipien gelernt haben. Da müssen die Lehrer aus der Schule und Eltern unterschreiben, dass sich die Kinder auch daran halten. Wenn nicht, dürfen sie nicht an den Prüfungen teilnehmen. Aber Kinder, die nicht aus sich rauskommen oder in der Schule gemobbt werden, denen geben wir das nötige Selbstvertrauen. Die merken, sie können etwas, sie haben hier Freunde. Du bist als Trainer auch immer Psychologe.

Sind Sie gerne Lehrerin?

Auf jeden Fall. Ich gebe mein Wissen gerne weiter. Das Beste ist, wenn die Eltern kommen und berichten, wie sich ihr Kind entwickelt hat. Und natürlich ist es auch schön, die Techniken weiterzugeben. Wenn zum Beispiel Kinder kommen und noch nicht einmal einen Purzelbaum hinbekommen, dann ist es schön zu sehen, wie die Fortschritte machen.

Sie stammen aus Kassel, haben jetzt aber ihre Kampfschule in Offenbach eröffnet. Haben Sie keine Angst vor der Assi-Stadt?

Ich wohne ja jetzt seit einem Jahr hier. Weil ich nicht von hier bin, kann ich ja ganz anders drüber sprechen. Ich habe davon nichts mitbekommen. Natürlich gibt es Leute, die sagen: Offenbach ist assi. Aber ich finde es hier ganz cool und wir haben hier wirklich tolle und nette Menschen kennengelernt und getroffen. Man zieht auch immer das an, was man persönlich ist, egal ob Kassel, New York oder Offenbach.

Anders gefragt: Warum ausgerechnet in Offenbach?

Meine Mutter wohnt in Frankfurt. Ich habe also in der Gegend Verwandtschaft. Wir wollten hier einen Neustart machen und hatten überlegt: Frankfurt oder Offenbach. In Frankfurt aber gibt es schon so viele Schulen. Also nach Offenbach. Hier war auch die Nachfrage ziemlich groß. Die Schule wird auch gut angenommen. Die Leute sind froh, dass das hier keine Schule ist, wo man sagt: Wir hauen uns gegenseitig eine rein.

Interview: Danijel Majic

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Kontakt
  • Wir über uns
  • Impressum