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Reden wir über Offenbach "Die ganze Welt ist Suppe"

Wer mittags die Frankfurter Straße runterläuft, trifft irgendwann auf die lange Menschenschlange, die sich vor dem Suppenrestaurant Soupreme gebildet hat. Seit zwölf Jahren versorgt der Laden Offenbachs Angestellte mit „ordentlichem“ Essen.

Patrick Hellwig betreibt den Suppenladen Soupreme in der Frankfurter Strasse. Foto: Renate Hoyer

Wer mittags die Frankfurter Straße runterläuft, trifft irgendwann auf die lange Menschenschlange, die sich vor dem Suppenrestaurant Soupreme gebildet hat. Seit zwölf Jahren versorgt der Laden Offenbachs Angestellte mit „ordentlichem“ Essen.

Herr Hellwig, Sie haben einen ordentlichen Beruf erlernt: Fleischermeister. Wie kommt man als Experte für Würstchen und Koteletts dazu, sich auf Suppen zu spezialisieren?

Grundsätzlich ist es ja so, dass niemand sich, auch wenn er einen speziellen Beruf erlernt hat, nur dafür interessiert. Im meinem Fall ist es so, dass ich mich schon immer für das Kochen und Bewirtung begeistert habe. Und man muss ja auch sehen, dass das Berufsbild des Fleischers sich in den letzten 20 Jahren stark verändert hat. Es werden ja nicht einfach Leute zum Wurst- und Hackfleischmachen eingestellt. Der Beruf fordert inzwischen ganz andere Qualitäten.

Was genau meinen Sie damit?

Man ist ja schon lange weg vom klassischen Metzger, der nur Wurst und belegte Brötchen verkauft. Schon vor 15 oder 20 Jahren hat der durchschnittliche Metzger auf ein Mittagsgeschäft gesetzt oder auf Catering. Am Ende ist das alles ja artverwandt. Da gehört das Kochen dazu.

Ich hätte ja jetzt an die klassische Metzgergeschichte gedacht. Die vom Meister, der die Lehrlinge morgens dazu zwingt, erst mal eine ordentliche Rinderbrühe zu schlucken …

Nein, so war das nicht. Ich esse Suppe auch schon wirklich gerne. Aber in der Tat machen wir noch heute eine Suppe, die mein Meister mir gezeigt hat: Die Gulaschsuppe. Mein Meister hat sie damals aber gekocht und in Konserven verkauft.

In den letzten Jahren machen immer mehr Suppenläden auf. Vor allem in größeren Städten und da vor allem dort, wo die urbane Mittelschicht unterwegs ist. Wäre es für Sie nicht auch besser gewesen, das Soupreme im hipperen Frankfurt aufzumachen?

Gegenfrage: Wer sagt denn, dass Frankfurt immer hip sein muss? Als wir vor knapp dreizehn Jahren die Pläne für das Soupreme gemacht haben, gab es in der Tat eine ganze Menge Leute, die gefragt haben, warum wir das denn ausgerechnet in Offenbach machen wollen. So nach dem Motto: New York, London, Paris, vielleicht Frankfurt. Aber Offenbach? Für mich war erst mal wichtig, gute Qualität abzuliefern. Und zwar nicht nur beim Essen, sondern im Ganzen. Es gibt Läden, da schmeckt das Schnitzel toll, aber der Service ist schlecht. Dann gibt es Läden, die leben nur davon, irgendwie angesagt zu sein. Das können wir uns hier in Offenbach nicht leisten. Hier muss man liefern. Mein persönlicher Wunsch war, endlich selbstständig zu sein und einen Laden so zu machen, wie ich es will. Das konnte ich hier.

Suppe ist ja eigentlich kein wirklich hippes Essen. Eher etwas, das Mutti auf den Tisch stellt, damit man mal etwas Anständiges isst. Wie hat Ihr Umfeld damals auf die Idee reagiert?

Als ich anfing, hatte ich so gut wie keine Kohle. Ich hatte nur die Ausbildung, den Durchhaltewillen und die Unterstützung meiner Frau sowie einiger Freunde und der Familie. Am Anfang war es dann tatsächlich auch so, dass hier nur zehn oder 15 Leute hergekommen sind. Größtenteils Frauen. Dann wurden es 20, dann 30 und irgendwann bildete sich draußen eine Schlange. Und ich habe die Leute, die da zögernd rumstanden, an der Hand genommen und probieren lassen. Das behalten wir ja bis heute bei, dass man probieren kann. So hat sich das entwickelt. Am Anfang war es eine One-Man-Show, die dann immer weiter gewachsen ist.

Aber irgendwann können die Leute doch keine Suppe mehr sehen ...

Das habe ich auch irgendwann gemerkt. Wirklich immer nur Suppe, damit hältst du keine Kunden. Ein gutes Jahr lang hat das funktioniert. Dann habe ich den ersten Salat angeboten und nochmal ein Jahr später das erste klassische Menü. Damit habe ich die Kurve gekriegt, weil die Leute auch mal Pause von den Suppen machen konnten.

Inzwischen reicht die Schlange mittags bis raus auf die Straße. Wie schafft man das?

Das schmeichelt mir natürlich. Ich glaube – das sage ich auch meinen Kindern immer – das Wichtigste bleibt, dass du das, was du machst, gerne machst. Dann ist es im Grunde auch schon egal, was es ist. Das klingt vielleicht ein wenig schlapp, aber im Grunde ist es das: Die Liebe zu dem was man tut und der Respekt vor denen, mit denen man es tut. Ob das Mitarbeiter sind, der Lieferant, die Familie oder der Gast.

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Haben Sie sich mal die Leute angesehen, die hier mittags in der Schlange stehen?

Klar kenne ich meine Kundschaft. Da sind Ärzte und Artzthelferinnen darunter, Anwälte und Arbeiter. Bei uns sind alle Berufe und Menschen zu Gast und willkommen, die gerne gut essen.

Sind das in ihrem Fall eher Pendler oder echte Offenbacher?

Es sind schon auch echte Offenbacher dabei. Aber unsere Kernkompetenz sind die Berufstätigen. Man kann also schon von einem Business-Lunch sprechen.

Für die Jugendlichen, die sich am Marktplatz oder in der Fußgängerzone versorgen, müssten sie aber das Angebot vermutlich erweitern …

Ach, ich glaube wir haben auch junge Kunden. Aber wir sind nicht darauf aus, trendy zu sein. Da schwimmen wir hier alle in getrennten Becken. Der Wilhelmsplatz zum Beispiel, ist mehr zum Verweilen und Flanieren da, nicht um mal eben schnell was zu essen und wieder zu verschwinden. Hier hinten auf der Frankfurter haben wir rein geografisch eigentlich den schlechtesten Platz. Wir haben ja eine Marktanalyse gemacht und dabei gesehen, hier hinten sind die Berufstätigen. Deshalb haben wir relativ wenig junge Leute, aber die, die her kommen, finden uns geil … beziehungsweise porno, wie es heutzutage heißt.

Wenn ein Laden so voll ist, stellt sich fast zwangsläufig die Frage, ob es nicht Zeit wird zu expandieren. Schon mal ans Umziehen gedacht?

Ich bin der Frankfurter Straße schon aus nostalgischen Gründen verbunden. Einfach, weil hier alles angefangen hat. Hier soll es auch weiterlaufen. Expansionsgedanken gibt es immer wieder, aber sie stehen hinter der Qualität an. Wenn ich auf Qualität verzichten muss, expandiere ich lieber nicht. Im Übrigen haben wir ja im Laden insgesamt vier Mal erweitert. Als wir angefangen haben, war der Laden nur halb so groß. Inzwischen habe ich den Hof dazu genommen und die Außenbewirtung auf der Straße. Mehr ist nicht drin. Wir arbeiten daher noch an den Abläufen, damit wir hier mehr Leute bewirtet bekommen.

Demnächst bekommen Sie neue Nachbarn. Etwas weiter die Frankfurter runter entsteht in der alten Bundeszollverwaltung ein Atelierhaus für Kreative. Sind das künftige Kunden?

Ja, klar! Auf die freue ich mich auch schon. Wir haben ja schon ein paar Kunden von der Hochschule für Gestaltung. Für die Leute im Atelierhaus würde ich mir vielleicht auch noch eine spezielle Form von Verpflegung einfallen lassen, wenn die das wünschen.

Verraten Sie uns doch zum Abschluss noch das Geheimnis einer guten Suppe!

Naja, eine Sache habe ich ja schon gesagt: Die Liebe zu dem, was man tut. Wenn man sich daran hält, weiß man auch, was zum Beispiel in die Suppe reingehört. Das könnte ich natürlich anhand eines Rezepts darlegen, aber das würde jetzt zu weit führen. Ich sage immer: Die ganze Welt ist Suppe! Das war mein Gedanke, als ich angefangen habe. Ich wollte auf eine Reise gehen, meinen Kunden immer wieder etwas Neues präsentieren, sie mit etwas Neuem erstaunen. Ich reise auch viel und gucke mir dabei neue Suppen ab. Aber das Hauptding ist: Gut wird etwas nur, wenn man etwas Gutes reinmacht.

Interview: Danijel Majic

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