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Offenbach Witz und eine starke Meinung

Der erfolgreiche Poetry Slammer Christian Schneider schreibt Texte, die polarisieren. Diese Polarisierung sei ihm aber lieber als Gefälligkeit. Anders als beim Schauspielern schlüpfe er beim Poetry Slam nicht in eine Rolle: „Da sage ich klipp und klar meine Meinung und die gefällt natürlich nicht allen.“

27.07.2015 19:56
János Erkens
Seine Textbücher schreibt Schneider oft nachts voll. Foto: Monika Müller

Nein, sein Haupthobby sei Poetry Slam nicht. „Ich glaube, so etwas wie ein Haupthobby habe ich überhaupt nicht“, sagt Christian Schneider, nachdem er kurz überlegt hat. Der 17-Jährige ist vor einem Monat bei den deutschen Poetry Slam-Meisterschaften in Regensburg angetreten und hat damit die Hessenslammer der Altersklasse U20 vertreten. Die hatten ihn einen Monat zuvor bei den Meisterschaften im Frankfurter Mousonturm auf Platz zwei gewählt. Ein beachtlicher Erfolg für den Schüler der Leibnizschule, der die Kunstform Poetry Slam erst vor einigen Monaten für sich entdeckt hat .

„Schreiben hat mir schon immer Spaß gemacht“, erinnert sich Schneider. Bereits in der Grundschule habe er kleine Geschichten verfasst, aber nie daran gedacht, irgendwann einmal mit eigenen Texten vor Publikum zu stehen. Stattdessen stand für ihn lange die Geige im Vordergrund, die er vor zehn Jahren zum ersten Mal in der Hand hatte und auf der er immer noch regelmäßig übt. Und vor allem Sport in diversen Disziplinen: „Ich hab eigentlich schon alle Sportarten ausprobiert, von Schwimmen bis Kunstturnen.“ Wie die Pulsuhr an seinem Handgelenk anzeigt, ist der große und schlanke junge Mann mittlerweile für Ausdauersport entbrannt, fährt Rennrad und joggt. „Dabei kann ich absolut abschalten und einfach meine Ruhe haben.“

Workshop besucht

Die Begeisterung für Poetry Slam sei vor ein paar Monaten aus verschiedenen künstlerischen und persönlichen Einflüssen der jüngeren Vergangenheit resultiert, erzählt der Zwölftklässler: „Im letzten Jahr habe ich die Hauptrolle im Stücks ‚Frühlings Erwachen’ gespielt, das die Musical-AG unserer Schule aufgeführt hat. Dabei habe ich mich in Punkto Körperpräsenz und Stimme im Raum sehr stark weiter entwickelt.“ Die ausdrucksstarke Stimme und das charismatische Auftreten zeichnen Schneider auf der Bühne besonders aus, wie die Videos von den Hessenmeisterschaften im Mousonturm zeigen, die noch im Internet zu finden sind.

Als er auf einer Geburtstagsparty den damaligen Hessenmeister im Poetry Slam, den Offenbacher Samuel Kramer kennen lernte, begann Schneider sich für diese Form der Lesung zu interessieren. Er besuchte einige Slams, bei denen die tendenziell jungen Autoren innerhalb von wenigen Minuten Ausschnitte aus ihren Texten vorstellen und vom Publikum mit Noten von eins bis zehn bewertet werden.

„Eigene Texte habe ich aber erst geschrieben, nachdem ich an meiner Schule einen Workshop mit dem Frankfurter Poetry Slammer Florian Cieslik besucht habe“, erzählt Christian Schneider. Einige Passagen aus dem Workshop mit Cieslik befinden sich auch in dem Text „Jalousienschlitze“, mit dem Schneider im Mousonturm die Gunst des Publikums erdichtete.

„Ich hasse Zeitklauapparate, deren einziges Ziel es ist, uns zu manipulieren“, heißt es darin über Handys, die Schneider im weiteren Verlauf als „Räuber der sozialen Zwischenmenschlichkeit“ bezeichnet. „Am Poetry Slam mag ich die direkte Konfrontation mit dem Publikum“, erklärt er seine bisweilen zugespitzte Wortwahl, die in „Jalousienschlitze“ ihren Höhepunkt mit der Zeile „Technik, leck mich!“ hat.

Themen weiter entwickeln

In Regensburg spaltete „Jalousienschlitze“ das Publikum ebenso wie sein Abgesang auf den Alltag, in dem er diesen mit „Cola Light, dem noch uncooleren Bruder von Cola Zero“ vergleicht: „Einige Zuhörer haben mir zehn Punkte gegeben, ein anderer Teil hat mich ziemlich schlecht bewertet.“

Diese Polarisierung sei ihm aber lieber als Gefälligkeit. Anders als beim Schauspielern schlüpfe er beim Poetry Slam nicht in eine Rolle, sobald er die Bühne betrete: „Da sage ich klipp und klar meine Meinung und die gefällt natürlich nicht allen.“

Auch, wenn er in Hinblick auf das Medizinstudium, das er nach dem Abitur im kommenden Jahr anfangen möchte, auf gute Noten achten muss, will er auch weiter schreiben und dichten: „Ich komme gerade vom Lyrischen ein wenig ab und schreibe prosaischer“, erzählt er. Neben der Form möchte er auch seine Themen weiter entwickeln, Schule und Studium hin oder her: „Im Studium werde ich sicher weniger Zeit haben als jetzt“, sagt Schneider gelassen. „Aber ich will mir immer Zeit frei halten, um Kunst und Sport machen zu können.“

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